Wissen(schaft) online

Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut, 28. - 29.03.2011

Bericht von: Verena Gebhard, Kunsthistorisches Institut in Florenz

Tagungsbericht der Veranstalter

In den letzten zehn Jahren nahm die Anzahl der Online-Projekte in den Geisteswissenschaften - von digitalen Editionen über den Aufbau von Fachrepositorien hin zu Open Access e-Journalen – exponentiell zu. Dem Engagement der Initiatoren dieser Projekte scheint jedoch die Zurückhaltung der Wissenschaftler, selbst online zu publizieren, weiterhin entgegenzustehen. Noch immer gilt die verlagsbetreute Print-Publikation in den Geisteswissenschaften als einträglicher für die Reputation des Autors. Dieses kontroverse Thema war Ausgangspunkt des Workshops „Wissen(schaft) online“ am Kunsthistorischen Institut in Florenz. Ziel des Rundgesprächs war – so Organisatorin Anna Schreurs, Assistentin am KHI und wissenschaftliche Leiterin des digitalen Editionsprojekts sandrart.net – eine „grundlegende Reflexion über die weitgehende Passivität seitens der geisteswissenschaftlichen Community, was die Freigabe und die Verbreitung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse in digitalen Medien angeht“.[1]

Den Auftakt zur zweitägigen Veranstaltung in Florenz machte der Abendvortrag von Irene Dingel, Direktorin des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz. Dingel stellte das am Mainzer Institut angesiedelte, DFG geförderte Projekt „Europäische Geschichte Online“, kurz EGO, vor. Bei der Konzeption von EGO wurde die Form der für die Geschichtswissenschaften bewährten, mehrbändigen Sammelschrift in das Internet übertragen. Ausgangspunkt für die Wahl des digitalen Mediums war die Tatsache, dass das dem Projekt zugrunde liegende „dynamische Europaverständnis“ sich nach Meinung der Herausgeber am besten innerhalb eines Online-Publikationsprojektes verwirklichen ließe. Ziel sei es, die „Komplexität und Dynamik der europäischen Kommunikationsbeziehungen und Transferprozesse“ durch die modulare und flexible Form der Internetpublikation angemessen abzubilden. Die Sicherung der Qualitätsstandards der Texte durch die Print-Publikationen vergleichbare Fachbegutachtung in einem Peer Review Prozess, dessen Bedeutung für Online-Publikationen in der anschließenden Diskussion auch kontrovers betrachtet wurde, ist laut Dingel extrem wichtig. Anlass für Rückfragen aus dem Publikum bot der geplante zweijährige Aktualisierungsturnus von EGO nach Ablauf der Projektförderung: So wurde angezweifelt, ob die Autoren in so kurzen Abständen für die Überarbeitung ihrer Beiträge zur Verfügung stünden und inwiefern durch die unterschiedliche Bereitschaft zur Aktualisierung der Texte verschiedene Bearbeitungsniveaus entstehen könnten. Wichtig für die Akzeptanz seitens der Wissenschaftler sei die Sichtbarkeit des Beitrages durch den bibliographischen Einzelnachweis im Verbundkatalog der hessischen Bibliotheken (HeBIS) und damit auch im WorldCat. Nur so könne ein Online-Publikationsprojekt zu Printveröffentlichungen wirklich in Konkurrenz treten, erklärte Dingel.

Auch Thomas Stäcker, stellvertretender Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, sah in seinem Vortrag „Perspektiven der Zusammenarbeit von Forschung und Bibliothek, oder: Warum und wie erstelle ich eine digitale Edition?“ in den nicht immer genügenden Beurteilungsverfahren eine große Hemmschwelle für die Akzeptanz seitens der Geisteswissenschaften. „Das elektronische Medium ist nicht das Problem per se, sondern die Qualitätskontrolle bei Open Access,“ befand Stäcker. Trotz dieser bestehenden „Grundskepsis“ habe sich die digitale Edition beispielsweise inzwischen aber weitgehend etabliert. Dafür spielten neben der Skalierbarkeit von elektronischen Projekten, die die Darstellung von „work in progress“ erlaube – zunehmend wichtig in Zeiten, in denen sich der politische Druck auf Akademieprojekte und die rasche Sichtbarkeit ihrer Ergebnisse erhöhe – in erster Linie die digitalen Mehrwerte eine Rolle: die flexiblen Anzeigemöglichkeiten des edierten Textes, die Standardisierung von Personen- und Ortsnamen oder die Verlinkung der Bibliographie auf Bibliothekskataloge. Diese konzeptionellen Erweiterungen des Buches in den digitalen Editionen brächten jedoch einige Herausforderungen mit sich. Bei den Mehrfachsichten gelte es, das Problem der Zitierfähigkeit der Seiten und der „hypertextuellen Kohäsion“ zu lösen: Inwiefern gehören „Paratexte“ zur Edition und wie sind sie zu zitieren? Stäcker sprach auch die wichtige Frage der Versionierung von digitalen Editionsprojekten an und thematisierte das Problem der Langzeitarchivierung.

Hubertus Kohle, Professor für Kunstgeschichte an der LMU München, forderte in seinem Vortrag „Die Zukunft war immer schon anders als die Vergangenheit. Über Kunstgeschichte im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“ seine Kollegen pointiert dazu auf, das aktive Mitgestalten an den Publikationsweisen der Zukunft besser zu vermarkten. Die „unerbittliche Logik des ökonomischen Modernisierungsprozess“ werde unausweichlich dazu führen, dass zukünftig ausschließlich elektronisch publiziert werden würde. Geisteswissenschaftler müssten die „weiche Qualität“ des Computers als „Medium der Assoziation und Phantasie“ vermitteln – anstatt, wie bislang häufig, das Internet generell für die Flachheit der Diskurse verantwortlich zu machen. Insbesondere die Hochschulen seien gefordert, eine Pädagogik des Umgangs mit elektronischen Medien zu entwickeln. Im Gegensatz zu seinen Vorrednern trat Kohle dafür ein, die Qualitätssicherung der elektronischen Publikationen vollständig einem öffentlichen Prozess zu überlassen – wobei er eingestehen musste, dass das Modell der öffentlichen Begutachtung von Artikeln bei dem unter anderem von ihm herausgegebenen „Kunstgeschichte Open Peer Review Journal“ bislang sehr wenig genutzt werde. Eine kritische Masse von Internet-Usern, die solche „Crowd Review“-Angebote nutzen, sei für das Funktionieren des Modells unabdingbar. Hubertus Kohle trat dafür ein, den „Long Tail“, also die große Masse an Online-Publikationen, die in der Fachwelt nicht die Aufmerksamkeit einer Print-Monographie erregen, inhaltlich aber auf lange Sicht womöglich größere Bedeutung besitzen, ernst zu nehmen. Damit sprach er sich für Quantität bei elektronischen Veröffentlichungen aus: Das Internet sei „unendlich verfügbar“ und Speicherplatz vergleichsweise billig, weshalb durch Peer Review Prozesse keine künstliche Verknappung notwendig sei („Publish first – filter later“).

„‘So with the internet and e-books, do we really need millions for libraries?’ Die Rolle der Bibliothek im Zeitalter des Online-Publizierens” war Thema des Vortrages von Jan Simane, Bibliotheksleiter am Kunsthistorischen Institut in Florenz und Vorsitzender der Sektion Kunstbibliotheken der IFLA, dem Internationalen Verband der bibliothekarischen Vereine und Institutionen. Die provokante Frage im Titel seines Vortrages stammt aus einem US-Fernsehbericht des vergangenen Jahres – jedoch auch hierzulande werden Bibliotheksleiter von Unterhaltsträgern mit zwar weniger spitz formulierten, jedoch in dieselbe Richtung zielenden Fragen konfrontiert. Wichtig sei deshalb hervorzuheben, welche Dienste die Bibliotheken bei der Erstellung, Bereitstellung und Organisation von elektronischen Publikationen leisteten. Dem online publizierenden Wissenschaftler komme es vor allem auf die Sichtbarkeit seiner Beiträge an, so Simane: Hier bieten Bibliothekskataloge und Bibliographien – vor allem was die inhaltliche und sprachenunabhängige Erschließung durch intellektuelle Verschlagwortung angeht – Leistungen, die weit über das hinausgehen, was Internet-Suchmaschinen bislang erfüllen.
David Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik in Berlin und einer von knapp 300 Administratoren der deutschen Wikipedia, sprach über „Wikipedia als Modell für Chancen und Probleme digitaler Publikationen“. So stellte er überzeugend die Online-Enzyklopädie als „positives Modell“ für die moderne Wissenschaftskommunikation vor. Ludwig erläuterte, dass das Geheimnis des Erfolges der Wikipedia auch in der Tatsache zu suchen sei, dass traditionelle Qualitätssicherungsprozesse wie Peer Review unterlaufen würden. Ludwig betonte, dass es sich bei der Wikipedia explizit um eine Enzyklopädie für Laien handle, was sich im Gebrauch widerspiegle: So informiere sich auch der Wissenschaftler in der Wikipedia nicht über sein Fachgebiet, sondern über die Themen, bei denen er Laie sei. Das fehlende Interesse der Akademiker, selbst aktiv mitzuschreiben – nur rund 20% der Autoren sind Wissenschaftler, so eine Erhebung von Wikipedia – sei erkannt und Wikipedia versuche, dem mit Initiativen wie der „Wikipedia Academy“ entgegen zu steuern. Da es jedoch die Exklusivität der Publikationsplattform sei, durch die die wissenschaftliche Publikation Renommee erlange, seien die Anreize bei der Wikipedia, bei der jeder mitschreiben könne, für den Wissenschaftler eher gering.

An der abschließenden von Verena Gebhard moderierten Round Table-Diskussion nahmen neben den Vortragenden außerdem Alessandro Nova, Direktor des Kunsthistorischen Instituts, Joachim Berger, Koordinator des Mainzer EGO-Projektes, sowie Carsten Blüm und Thorsten Wübbena, wissenschaftliche Mitarbeiter des Editionsprojektes sandrart.net und Organisatoren des Florentiner Workshops, teil. Die Resonanz von elektronischen Publikationen in der Fachwelt, das heißt deren Impact Factor, wurde unter anderem angesprochen. Zu beobachten ist in diesem Zusammenhang, dass Online-Rezensionsjournale, wie die von Hubertus Kohle herausgegebenen „Sehepunkte“, keine Probleme haben, wissenschaftliche Autoren zu gewinnen, dass jedoch die besprochenen Werke bis auf wenige Ausnahmen klassische Print-Publikationen sind. Die Diskutanten gaben zu, dass es insbesondere bei den Hochschulschriften, also in erster Linie den Dissertationen, weiterhin die Tendenz gäbe, die ausschließlich online veröffentlichte Doktorarbeit als weniger qualitätsvoll gegenüber gedruckten Werken zu bewerten. Dem steht jedoch die größere Sichtbarkeit der Online-Publikationen, die von Suchmaschinen zum Teil bis in den Volltext hinein ausgewertet werden, entgegen. Hinsichtlich der Problematik der Offenheit von Online-Projekten trat Anna Schreurs dafür ein, Publikationsprojekte im Internet wie beispielsweise digitale Editionen definitiv abzuschließen, um damit eine einheitliche Datierbarkeit der Beiträge zu gewährleisten. Andere Diskutanten wandten ein, dass ein Mehrwert der elektronischen Veröffentlichungen gerade in ihrer Dynamik liege. Am runden Tisch wurden außerdem über die Hemmschwellen, die vermeintlichen und tatsächlichen Probleme des digitalen Publizierens sowie die aktuelle und zukünftige Aufgabenverteilung hinsichtlich Qualitätssicherung, Sichtbarkeit und Langzeitarchivierung von elektronischen Texten und Daten gesprochen. Die explizit als „Workshop“ titulierte Veranstaltung hatte nicht den Anspruch, alle Aspekte des elektronischen Publizierens in den Geisteswissenschaften hinreichend zu thematisieren und schon gar nicht, Lösungen für höchst komplexe Probleme zu präsentieren. Die Veranstaltung sollte einen Startpunkt geben, um vielleicht weitere Diskussionen auch an anderen Orten oder im Internet zu führen.

Anmerkung:
[1] Konzipiert und organisiert wurde der Workshop von Carsten Blüm, Anna Schreurs und Thorsten Wübbena.

Empfohlene Zitation:
Verena Gebhard: [Tagungsbericht zu:] Wissen(schaft) online (Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut, 28. - 29.03.2011). In: ArtHist.net, 31.05.2011. Letzter Zugriff 16.11.2018. <https://arthist.net/reviews/1464>.

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Bericht veröffentlicht am: 31.05.2011

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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