Tagung „Großstadtfotografie.
Das urbane Leben und die Fotografie in europäischen Großstädten
1888-1938“ im Deutschen Historischen Museum Berlin, 12.-13. November
2004.
Marion Bornscheuer
Im Rahmen der Ausstellung „Auf den Straßen von Berlin - Der Fotograf Willy
Römer (1887-1979)“ veranstaltete das Deutsche Historische Museum Berlin (DHM)
zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für Bildquellenforschung und
Zeitgeschichte e.V. (ABZ e.V.) am 12.-13. November 2004 eine Tagung zum Thema „Großstadtfotografie in Europa“. [1] Waren ursprünglich Vorträge über Berlin,
Wien, Prag, München, Amsterdam, Paris, Hamburg und London vorgesehen, so
mußten mit den Referaten über München, Paris und London einige interessante
Vergleichsbeispiele leider unberücksichtigt bleiben.
Zum besseren Verständnis des Tagungskontextes sei dem Bericht zunächst die
berufliche Kurzbiographie des Pressefotografen Willy Römer vorangestellt.
Römer begann 1903 eine Lehre bei der Berliner Illustrations-Gesellschaft, die
sich als erster Verlag in Berlin ausschließlich der Pressefotografie widmete.
Während des Ersten Weltkriegs fotografierte Römer in Polen und Rußland und
dokumentierte dort vornehmlich das Leben der verarmten Landbevölkerung. Nach
Kriegsende machte er sich in Berlin selbständig und übernahm die Firma „Photothek“, der 1920 Walter Bernstein als kaufmännischer Leiter und
Textredakteur beitrat.
Das Unternehmen entwickelte sich während der Weimarer Republik derart
erfolgreich, daß die Fotos nicht nur bei den renommiertesten deutschen
Verlagen, sondern auch in Paris und London und darüber hinaus sogar in New
York und Tokio Absatz fanden. Unter dem Regime der Nationalsozialisten endete
der Erfolgskurs von Römers Unternehmen aufgrund der jüdischen Abstammung
Bernsteins: Die „Photothek“ kam auf den Index der mit Presseverbot belegten
Firmen. Fortan arbeitete Römer allein als freier Fotograf, in den Folgejahren
jedoch wegen der zunehmenden Konkurrenz durch jüngere Kollegen weit weniger
gewinnbringend. Nach seinem Tod verwalteten Römers Witwe und seine Tochter
Grete den umfangreichen Nachlaß, den schließlich Diethart Kerbs von der ABZ
e.V. erwerben konnte und der Öffentlichkeit zum erstenmal auszugsweise in der
gegenwärtigen „Willy Römer“-Ausstellung präsentiert.
Die zeitliche Eingrenzung der in diesem Kontext einberufenen Tagung zum Thema „Großstadtfotografie 1888-1938“ wurde von ihrem Organisator Kerbs motivisch
begründet: Da das großanzulegende Thema der „kriegszerstörten Städte“ ein Feld
für sich darstelle und gesondert zu untersuchen sei, sollte hier zunächst die
Fotografie der wilhelminischen Ära bis zum Ende der Friedenszeit behandelt werden.
Den Auftakt zur Vortragsreihe bildete das Referat von Ines Hahn (Stiftung
Stadtmuseum Berlin, 1995 aus dem Märkischen Museum hervorgegangen) über die
Großstadtfotografie in Berlin, für die sie - methodisch strittig -
ausschließlich Werke aus dem Sammlungsbestand des Märkischen Museums
berücksichtigte. Hahn zeigte, daß die Fotografen vor der Jahrhundertwende
primär an der Dokumentation der Stadtarchitektur interessiert waren, während
der Mensch erst nach und nach - und nicht zuletzt parallel zur Verbesserung
der Technik - ins Blickfeld rückte. Frühe Fotografien ließen den Menschen
aufgrund der langen Belichtungszeit zumeist nur schemenhaft erkennen, weshalb
er entweder wegretuschiert oder - im Fall von Architektur- und Platzansichten
- schlicht als Größenmaßstab integriert worden sei.
Die Ernennung Berlins zur Reichshauptstadt und die zunehmende
Industrialisierung habe zum wachsenden Interesse der Fotografen an technischen
und städtebaulichen Neuheiten geführt. So verstand Albert F. Schwartz die
Fotografie nach Hahn als „historischen Sachzeugen“ und dokumentierte die neue
infrastrukturelle Erschließung der Stadt, aber auch die zum Abriß
freigegebenen Gebäude, von denen er - im Bewußtsein des architektonischen
Verlusts - eine enzyklopädische Bildersammlung erstellt habe.
Als erster Architekturfotograf Berlins hat nach Hahns Ausführungen Hermann
Rückwardt zu gelten, der an mehr als 70 Mappenwerken zu diesem Thema beteiligt
war. Charakteristisch für seine Fotos seien sachlich-kühle Frontalansichten,
die das ‚moderne’ Großstadtleben ausblendeten.
Georg Bartels dagegen lichtete auch die arbeitende Stadtbevölkerung ab, die er
zuvor in hierarchischer Aufstellung postiert habe. Daneben zeigten seine Fotos
die sogenannte „Stadtrandikonographie“, in der sich schon Bestehendes mit
neuen - infrastrukturellen oder architektonischen - Konstruktionen vermische.
Die Entdeckung des Menschen als neues fotografisches Thema bestätigte Hahn für
Berlin erst nach der Jahrhundertwende, als parallel zum Beschluß des Berliner
Magistrats von 1902/03, neben der Architektur der Reichshauptstadt nun auch
wichtige Anlässe und Ereignisse zu dokumentieren, auch die Pressefotografie
erblühte. Als Beispiel konnte hier die mehr als 25 mal aufgenommene „Einholung
der Kronprinzessin Cecilie“ (1905) dienen.
Die erste Fotoagentur, die mit dem Märkischen Museum zusammenarbeitete - und
damit auch einen festen Auftraggeber hatte - war Zander & Labisch, die, so
Hahn, fotohistorisch den „Übergang vom Rollenporträt zum Szenefoto“ markiere.
In den Aufnahmen der schaffenskräftigen Gebrüder Haeckel habe der Mensch
schließlich konsequent die Hauptrolle gespielt, während die Stadtarchitektur
nur noch als Kulisse erscheine, z.B. in der „Radwettfahrt um Berlin“ (erstes
Jahrzehnt des 20. Jh.). Bilder wie „Straßenkehrer Unter den Linden“ (1906)
zeigten nach Hahn wiederum den „genrehaften Blick von Seiten des ‚Flaneurs‘
auf den Menschen, der ein Leben jenseits der Prachtstraßen führt“.
Auch Max Missmann, der seine Fotos in Berliner Journalen und als Postkarten
publizierte, zeige in seinen Straßenfotos „Momente urbanen Lebens“, diese nun
aber unmittelbar „auf der Kreuzung von Prachtstraßen“. In Aufnahmen wie der „Markthalle am Alexanderplatz“ (1906) oder vom Stadtverkehr thematisierte er
,Bewegung’; er nahm aber auch zahlreiche Ansichten von Parkanlagen auf, die er
als Ruhepole und damit als Kontrastprogramm zur Betriebsamkeit der Stadt
inszeniert habe. Dialektisch arbeitete nach Hahn auch Rudolf Dührkoop, der in „Das malerische Berlin“ (1911) u.a. eine Aufnahme der mittelalterlichen Gasse „Krögel“ publizierte, in der er den architektonischen Zerfall des Mauerwerks
in Kontrast zu den intakten sozialen Bindungen des Menschen gesetzt habe.
Hahn beendete ihren Vortrag mit dem Hinweis, daß das Märkische Museum seinen
Bestand nach dem ersten Weltkrieg zwar erweitert habe, doch habe sich der
Ankauf lediglich auf Fotos von Max Missman beschränkt, der seinem Stil treu
geblieben sei. Neue Sichtweisen - beispielsweise die auf die kriegszerstörte
Stadt - seien erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsbestand gelangt.
Zusammengefaßt reflektierte Hahns Vortrag vor allem die „museale Sicht auf
Berlin bis zum Jahr 1919“, wie Timm Starl in der darauffolgenden Diskussion
kritisch anmerkte.
Den Abschluß des ersten Konferenztages bildete die von Wolfgang Hesse
(Rundbrief Fotografie, Dresden) geleitete Podiumsdiskussion zwischen Sabine
Hartmann (Sammlung Künstlerischer Fotografie im Bauhaus-Archiv Berlin),
Claudia Gabriele Betancourt-Núñez (Fotografische Sammlung im Museum für Kunst
und Gewerbe Hamburg), Ulrich Pohlmann (Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum) und
Bernd Weise (Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive BVPA
Berlin). Zur Diskussion stehen sollte die im Ausstellungskontext zu erhebende
Frage nach Willy Römers Stellung in der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts,
doch galt es zuvor, grundsätzliche Fragen zum progressiven Thema
„Großstadtfotografie“ zu erörtern.
Weise kam zunächst auf den schon im Katalog für den Fotografen verwendeten
Begriff des „Flaneurs“ zurück und bezeichnete diesen für die Zeit der
aufkommenden Pressefotografie, die im Hinblick auf die größtmögliche
Aktualität der „Bildnachrichten“ auch damals schon durch Termindruck und
Konkurrenzsituationen geprägt gewesen sein dürfte, als kaum zutreffend.
Außerdem wandele sich die Aufgabe der Pressefotografie parallel zum Vergehen
der Zeit: Diene sie in der aktuellen Situation der Nachrichtenvermittlung, so
könne sie später als Dokumentation des Vergangenen betrachtet werden.In Ergänzung zu Weises Anmerkungen verwies Betancourt-Núñez auf den
künstlerischen Wert der Fotos und forderte als methodischen Ansatz zur
Bewertung von „Großstadtfotografie“ die Einzelbetrachtung der Bilder ein.
Dabei sei zu berücksichtigen, ob es sich um Auftragsfotos oder um die
Realisierung eines eigenen Konzepts des Fotografen handele. Im letzten Fall
seien auch biographische Aspekte und politische Prägungen einzubeziehen. Daran
anknüpfend fragte Hartmann, ob Willy Römers Arbeiten eine dezidierte
Fotografen-,Handschrift’ erkennen ließen, oder ob sie nicht vielmehr in ihrer
Eigenschaft als Pressefotografien eine für ihr ,Genre’ spezifische Machart
aufwiesen. Schon die Ausstellung selbst, merkte Pohlmann zum Ende der
Diskussionsrunde an, lasse neben den Angaben zu Willy Römers Person
Informationen zu den Spezifika der Situation von Fotografen in Berlin
vermissen. Zu untersuchen wäre diesbezüglich die Konkurrenz unter den Berliner
Fotografen, die Wahl der Motive im Vergleich mit anderen europäischen
Metropolen, und der Kontext, in dem die Fotografien publiziert wurden.
Den zweiten Konferenztag eröffnete Timm Starl (freier Publizist, Wien) mit
seinem Vortrag über die Großstadtfotografie in Wien. Nachdem er einleitend die
Schwierigkeiten bei der Begriffsdefinition von „Großstadtfotografie“
angerissen hatte, stellte Starl die Frage nach den bevorzugten Motiven der
Wiener Fotografen ins Zentrum - und damit auch die nach den visuellen
Bedürfnissen des Publikums. Dabei zeigte er 10 Themen der Wiener
Großstadtikongraphie auf.
Das erste sei „der Zeitungsleser“, ein typisches Motiv aus dem Wiener
Caféhaus. Mit dem Blick in die Zeitung thematisierten diese Fotos einen
zeitlichen Rückblick; als markantestes Beispiel nannte Starl das Lesen von
Todesanzeigen. Das zweite Thema seien „Festumzüge“, zu dem er u.a. folgende
Beispiele zeigte: August Brandts Fotografien vom Festzug für Kaiserin
Elisabeth, den Hans Makart 1879 mit einem geschmückten Gefährt der
Staatseisenbahn arrangiert hatte, oder auch die Fotografie aus dem Atelier
Willinger von Kaiser Franz Josephs Beerdigung im November 1916. Letztere lasse
auch schon eine neue Sichtweise erkennen, die diejenige der Nachkriegszeit
vorwegnehme: Der Mensch werde zugunsten der graphischen Gesamtkomposition des
Bildes anonymisiert.
Als drittes Themenfeld nannte Starl „Straßenberufe“, die durch „wahrhafte
Wiener Typen“ in „dekorativer Ansicht“ vorgestellt würden. Folgerichtig
handele es sich bei diesen Fotografien weniger um Straßenschnappschüsse als
vielmehr um sorgfältig arrangierte Aufnahmen. Ferner verweise z.B. das Motiv
des Plakatklebers - im Gegensatz zum eingangs erwähnten Zeitungsleser -
zeitlich in die Zukunft. Zugleich hätten die Fotos für den heutigen Betrachter
wiederum musealen Charakter, indem sie durch den nunmehr gleichzeitigen
Verweis auf Zukunft (damalige Rezeption) und Vergangenheit (heutige Rezeption)
die Zeit zum Stillstand brächten.
In der vierten Kategorie „Postkartenmotive“ machte Starl am Beispiel des „Hausmeisters“ von Otto Schmidt auf die eventuelle Statistenrolle des
Dargestellten aufmerksam. Demzufolge spiegelten diese Fotos dem Betrachter
eine irreführende ,Gegenwart’ vor. Dies gelte auch für die
Straßenbilder-Serien, wie z.B. „Venedig in Wien“. Die fünfte Kategorie
betitelte Starl mit „Passanten“. Hier würden Schaulustige ihrerseits als
Akteure abgebildet: Sie lesen Veranstaltungsplakate oder betrachten
Schaufensterauslagen. Auch hier bemerkte Starl ein zweifaches Heraustreten aus
der Zeit: zum einen das des Passanten, der sich aus der Masse der betriebsamen
Stadtbevölkerung löst und inne hält, und zum anderen das des gealterten Fotos
selbst.
Auch im sechsten Themenkomplex „Momentaufnahmen“, den Starl u.a. an Fotos vom
,modernen’ städtischen Verkehrsmittel der Pferdestraßenbahn oder auch von der
jüngst fertiggestellten Wiener Votivkirche (1879) exemplifizierte, rückten die
Bilder das Historische in die Gegenwart. Damit mache die Fotografie die Stadt
zu einem Museum ihrer selbst und könne, so Starl, - einem Museumskatalog
vergleichbar - als „Bildführer“ zur Stadtgeschichte dienen. Das Tempo der
Großstadt hingegen werde in Nahaufnahmen festgehalten, wie z.B. in der
Fotografie von einer überfüllten Tramplattform (1910), womit sie der ruhigen
Betrachtung preisgegeben sei.
In den Aufnahmen von „historischen Bauten“, die das siebte Thema der
Großstadtfotografie darstellten, stehe die Architektur allein im Zentrum
(Michael Frankenstein, „Carlskirche“) oder werde im Vordergrund von der Natur
im Wandel der Jahreszeiten umrahmt. Bis 1939 seien hier indes keine neuen
Sichtweisen auszumachen; erst unter den Nationalsozialisten sei z.B. die
Karlskirche als „Phantasie der Stadt Rom“ verstanden worden.
Starls achtes Motiv waren die „Straßen und Gassen“, die den Blick in die
Bildtiefe verengten und das Pittoreske thematisierten. Charakteristisch
hierfür seien Effekte wie Unschärfe (Franz Holluber, „Blick auf den Wiener
Stephansdom“, 1911) oder Reflexionen auf regennassen Straßen, die zur
Romantisierung des Sujets dienten. Den Höhepunkt bildeten hier die Fotografien
von Grete Migl, die ihre Traumlandschaften zugleich mit dem Aufdruck von
passenden Volksliedern versah.
Thematisch ausgeklammert worden sei in der Wiener Fotografie dagegen die
großstädtische Verelendung bzw. die Wohnungsmisere. Der neunte Themenkomplex, „Randbezirke der Großstadt“, sollte buchstäblich das ‚Bild’ von der „Vorstadt“
bis in die 1930er Jahre prägen, wurde nach Starl fotografisch aber wenig
anspruchsvoll ausgeführt. „Demonstrationen und Kundgebungen“ stellten als
Thema der Pressefotografie schließlich das zehnte und letzte Motiv dar;
exemplarisch - und seinen Vortrag thematisch abrundend - zeigte Starl u.a.
eine Aufnahme von einem Wiener Caféhaus, das unter der Okkupation mit der
Aufschrift „Jude“ versehen und geschlossen worden war. Von einer genauen
Definition des Begriffs „Großstadtfotografie“ sah Starl in seinem Vortrag aber
ab und beschränkte sich auf die Aussage, daß diese Kategorie lediglich den Ort
beschreibe.
Im Anschluß referierte Susanne Pastor die Untersuchung von Pavel Scheufler
(Nationales Fotografiemuseum Prag) über die Großstadtfotografie in Prag.
Scheufler verfolgte nach eigenen Angaben den methodischen Ansatz, die
Fotografie als historische Quelle zu lesen, konstatierte für das 20.
Jahrhundert aber auch deren künstlerischen Wert. Im Prag der 1890er Jahre
seien insbesondere die technischen Neuerungen dokumentiert worden, wie die
elektrische Straßenbahn, die elektrische Straßenbeleuchtung und das Auto, aber
auch Ereignisse wie das große Hochwasser von 1890, das die Karlsbrücke zum
Einsturz brachte.
Das Sanierungsgesetz, das Baueingriffe in die Stadt vorsah, habe um die
Jahrhundertwende jedoch einen regelrechten Fotografie-Boom ausgelöst, durch
den die verschwindenden Stadtteile dokumentiert werden sollten. So nahm R.
Bruner-Dvorak 1889 zum Abriß freigegebene leerstehende Gebäude auf, und J.
Petrak fotografierte z.B. das jüdische Getto (1902) oder auch einen Bauplatz
im Stadtzentrum (ca. 1904); Bilder des Prager Alltags fehlten in den
1880er/90er Jahren dagegen ganz. Erst 1911 erschien die Mappe „Aus den
Hinterhöfen Prags“ von Frantisek Drtikol, die 50 Öldrucke enthielt und die
Schönheit der anonymen Winkel verdeutlichen sollte. Hier ist nach Scheufler
auch der „Übergang von der Beschreibungs- zur Stimmungsfotografie“
anzusiedeln, in der es vorrangig um das Spiel mit Lichteffekten ging. Nun
wurden ferner kolorierte Abzüge hergestellt, wie von J. Vanek in den 1910er
Jahren.
Als der tschechoslowakische Staat selbständig wurde, wurden auch politische
Motive wie Militärparaden fotorelevant. In den 1920er Jahren seien pittoreske
Themen schließlich ganz aufgegeben worden. Parallel dazu sei die Unschärfe zum
fotografischen Stilmittel geworden, sowie eine Tendenz zur indirekten
Fotografie, zum Beispiel durch Spiegelungen des Motivs in Schaufenstern (Jan
Lauschmann, Arnold Schneeberger). Daneben könne ein Interesse an sozialen
Aspekten festgestellt werden, die aber mit Ironie betrachtet würden, so auf
einem Bild des bekannten Fotografen und Dichters J. Styrsky von 1934, das eine
Engelstatue mit einer „Materialista“-Banderole zeigt. In den 1930er Jahren
hätten schließlich Bildexperimente dominiert: J. Ehm nahm um 1935 die „Leuchtreklame“ auf, L. A. Berka projizierte ein Architekturmotiv doppelt übereinander, und L. Sitensky hielt 1939 den Blick in ein Militärfahrzeug bei
Schneetreiben fest.
Am Nachmittag sprach Anneke van Veen (Fotografische Sammlung Gemeindearchiv
Amsterdam) über die Großstadtfotografie in Amsterdam 1890-1939 - also zeitlich
um ein Jahr verschoben -, die sie am Beispiel von sechs ausgewählten
Fotografen und deren spezifischer Sicht der Stadt vorstellte. [2] Dieser
doppelsträngige Ansatz, Persönlichkeit und Motivwahl der Fotografen parallel
zu betrachten, erwies sich als besonders sinnvoll. Einführend machte van Veen
darauf aufmerksam, daß Amsterdam gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich
zu anderen europäischen Städten kaum als Metropole bezeichnet werden könne.
Auch sei die Struktur der Amsterdamer Innenstadt von 1890-1935 nahezu
unverändert erhalten geblieben.
Zu Beginn stellte sie G. H. Heinen vor, der die Stadt als „Netzwerk„ gesehen
habe. Er erstellte 1894 zu geschäftlichen Zwecken eine Mappe von Amsterdamer
Panorama-Ansichten mit dem Bürgertum als Zielgruppe, das sich mit den
Fotoinhalten identifizieren sollte. Diese Fotos zeigten Neubauten, wie die
Verbreiterung der Damrak, oder das vor kurzem eröffnete Rijksmuseum. Dabei
bleibe Heinens Blick distanziert, so daß der Betrachter die Stadt “von Außen„
sehe, wodurch sich der angesprochene Netzwerkcharakter ergebe.
Jacob Olie dagegen habe die Stadt als „Gewebe“ begriffen und mit seinen
Aufnahmen 1890-1904 ein Bildarchiv zur ständig im Wandel befindlichen Stadt
angelegt. Er habe in seinen Fotos „die Stadt ausgepackt“, so van Veen. Dabei
sei er auf der Suche nach ihrer Schönheit gewesen und habe Alt und Neu in eine
harmonische Synthese gebracht, indem er die Wechselwirkung zwischen Bürger und
Umgebung gezeigt habe.
G. H. Breitner, der den Zeitgenossen nicht als Fotograf, sondern als
impressionistischer Maler von Stadtansichten bekannt war - seine Fotos wurden
nach van Veens Erläuterungen erst 40 Jahre nach seinem Tod wiederentdeckt -,
zeige 1890-1920 die Stadt als „Organismus“. Sein Thema sei das flüchtige
Straßenleben mit den Menschen in Bewegung gewesen. Außerdem interessierten ihn
atmosphärische Effekte, wie die Wirkung von Gegenlicht oder die Reflexionen
auf regennassem Straßenpflaster. Statt Harmonie und Gleichgewicht suchte er
nach Kontrasten (Durchblicke, Schlammgruben) und zeigte die Stadt in seinen
Aufnahmen als auflebenden und absterbenden Organismus.
Die „romantisierte Stadt“ führe dagegen Bernard F. Eilers vor, der seine
Aufnahmen 1908-1939 auf internationalen Salons für Kunstfotografie ausstellte
und in Fachzeitschriften publizierte. Van Veen zeigte, daß Zeit und Ort in
seinen Fotos undefinierbar und bedeutungslos werden, was auch die Titel „Regen“, „Kanal im Winter“, „Schlagschatten“ verdeutlichten. Zudem habe Eilers
seine sorgfältig arrangierten Fotos retuschiert, um traumähnliche Stimmungen
zu erzeugen und die Atmosphäre zum Hauptthema zu machen. Im Gegensatz zu Olie
habe er die Stadt „eingepackt“ - eine Methode, die Eilers selbst als „Fotoimpressionismus“ bezeichnete.
Abschließend stellte van Veen C. A. J. van Angelbeek vor, der 1931-1939 die „Stadt als Kampfplatz“ zeigte. Van Angelbeek, zunächst arbeitslos, ließ sich
von den Nationalsozialisten zum Fotoarbeiter ausbilden; seine Fotos seien
demnach Propagandamittel, sein Thema die Straße. Er dokumentierte den
städtischen Verfall. In seinen Fotos trete die Struktur der Stadt thematisch
zurück, denn er zeige sie in seinen Großaufnahmen nur ausschnitthaft. Auch
soziale Themen nahm er auf, so mit seiner Fotografie „Kein Geld für neue
Schuhe“, oder mit der eines Graffittis mit der Parole: „Fordert Asylrecht“.
Der Krieg spiegele sich in Aufnahmen wie der vom Luftschutztag wider, in der
Passanten besorgt in den Himmel blicken.
Zusammenfassend konstatierte van Veen, daß die Fotografen als Autoren der
Bilder bekannt werden müssten, da ihr subjektiver Blick die „vielen Gesichter
der Großstadt“ wiedergebe. Dabei sollten außerdem das beschreibende und das
künstlerische Element der Fotografien gleichermaßen berücksichtigt werden.
Die Reihe der Vorträge beschloß Walter Uka (Universität Lüneburg) mit seiner
Untersuchung zur Großstadtfotografie in Hamburg. Er stellte am Beispiel von
Johann Hamann, der zusammen mit seinem Sohn Heinrich arbeitete, und dem
Bauhausschüler Andreas Feininger zwei Generationen von Fotografen vergleichend
gegenüber. Zunächst unterschied Uka die Fotografie der Hamann-Familie von der
Feiningers durch drei wesentliche Punkte: erstens durch die Sichtweise auf die
Stadt, die der Generationsunterschied begründe; zweitens durch die
Kameratechnik, denn die Hamanns fotografierten mit Plattentechnik, während
Feininger eine Leica verwendete; und drittens durch den subjektiven Blick,
denn während Hamanns mit den Fotografien ihren Lebensunterhalt verdienen
mußten, durchstreifte Feininger Hamburg als „Tourist“.
Johann Hamann war ursprünglich Porträtfotograf und Inhaber eines Fotoateliers
in Hamburg gewesen. Um die Jahrhundertwende hat er versucht, mit
Stadtansichten einen neuen Markt zu erschließen, da die Porträtfotografie zur
Massenwaren geworden war. Er begann mit inszenierten Gruppenfotos von Hafen-
und Schiffsarbeitern, die sich aber nicht als einträglich erwiesen. Darauf hat
sich Hamann der Illustrationsfotografie zugewandt und Hafenmotive an
Illustrierte und Postkartenverlage verkauft.
Heinrich Hamann fotografierte im Gegensatz zu seinem Vater stets draußen.
Seine Themen waren neben den Werftarbeitern die sozialen Brennpunkte der
Stadt: Obdachlose und in den Häuserruinen spielende Kinder, die er zugunsten
der besseren Verkäuflichkeit der Abzüge - wie im väterlichen Atelier erlernt -
einzeln und in Gruppen arrangierte. Ferner dokumentierte er den städtischen
Transitbereich, das Auswandererheim, aus dem polnische und russische
Emigranten über den Hamburger Hafen nach Amerika geschleust wurden.
Der soziale Aspekt von Heinrich Hamanns Fotografie werde auch an Bildern wie
dem einer Wirtsfamilie deutlich, die er als Gruppe vor dem Wirtshausschild
arrangierte, wodurch sein Foto Auskunft über die abgelichteten Personen gebe.
Im Unterschied dazu habe Feininger Schriftzüge und Personen in seinen Fotos
kombiniert, die in keinem inhaltlichen Zusammenhang zueinander stünden; Uka
sprach hier von „Momentaufnahmen ohne Informationswert“. Dabei stellte er eine
interessante Überlegung zum Thema „Realismus“ an und fragte, welche Art der
Fotografie der Realität wohl näher käme: die der Hamanns, die die Menschen in
ihrem Lebensbereich zeige, oder die Feiningers, die den aktuellen Moment
festhalte.
Im Unterschied zu den Hamanns sei es Feininger nicht um den Menschen, sondern
primär um die Bildkomposition gegangen. Ihn hätten Lichteffekte interessiert,
die er in den späten 1930er Jahren in Aufnahmen wie der eines Gebäudes im
Nebel bei Gegenlicht ins Extreme steigerte. Die Rekonstruktion des alten
Stadtbildes erlaubten Feinigers Fotos demnach nicht. Sie schufen jedoch einen
bemerkenswerten Kontrast zwischen der rasanten sozialen und technischen
Entwicklung der Großstadt und der in den Motiven zum Ausdruck gebrachten Ruhe.
In der Diskussion kam erneut den Zusammenhang zwischen Motiv und Fototechnik
zur Sprache. Auch Hamanns Fotografien seien vielleicht nicht immer inszeniert
gewesen. Vielmehr sei der Blick der Passanten in die Kamera auch als Neugier
am Fotografen zu bewerten, der sein Stativ mit der Plattenkamera aufbaue.
Dagegen habe Feininger mit seiner Leica viel schneller und folglich
unbeobachteter fotografieren können. Erneut wurde die Frage nach den Spezifika
einer „Großstadtfotografie“ gestellt und nachgefragt, ob Fotografien aus
verschiedenen Epochen – wie hier von Hamann und Feininger - überhaupt wirklichvergleichbar seien. Für die älteren Fotografen wie Johann Hamann seien, so
Uka, bezüglich der überlieferten Materialfülle keine zeitgenössischen
Vergleichsbeispiele bekannt. Und die Vergleichskategorien, die unter das
Schlagwort „Großstadtfotografie“ zu fassen seien, müssten erst entwickelt werden.
In der Schlußdebatte betonte Diethart Kerbs noch einmal, daß sich der
literarische Begriff des „Flaneurs“ für den Fotografen letztlich nicht als
passend erwiesen habe, meine dieser doch eher den wohlhabenden Bürger, der den
Tag über Zeit zum flanieren habe, oder den verarmten Bohemien, der den Tag als
intellektueller Schnorrer im Café verbringe. Es müsse hierfür also ein neuer
Begriff gefunden werden.
Publikumsfragen bezogen sich auf die fotografischen Archivsammlungen: Wurden
dort vorwiegend Auftragsarbeiten oder Eigenkreationen gesammelt? Und wie
wirkte sich dies auf die Motivwahl der Fotografen aus? Kerbs erwiderte, daß
Willy Römer aus dem unteren Handwerkermilieu kam und daher keine Klientel für
direkte Auftragsarbeiten gehabt hätte. Das Fotografieren sei damals also eine
riskante Existenz gewesen; Römer sei aber immerhin bis in die 1930er Jahre
erfolgreich gewesen. Was die Archivsammlungen betreffe, so bestünden diese in
der Regel aus Auftragsarbeiten. Starl ergänzte, daß die Fotografen zu Beginn
ihrer Karriere üblicherweise selbst auf Motivsuche gingen, um ihre Aufnahmen
anschließend den Archiven anzubieten (so Atget in Paris).
Die Diskussion kam erneut auf die Definition von „Großstadtfotografie“ zurück
und Uka machte auf die Notwendigkeit aufmerksam, auch für diesen Komplex neue
Begrifflichkeiten zu finden. Er schlug seinerseits „Urbanität“ vor, deren übergeordnetes Thema „Beschleunigung“ wäre. Untersucht werden müsse allerdings
noch, wie diese in der Fotografie ausgedrückt werde. Hahn verwies in diesem
Zusammenhang auf das formale Mittel der Serie. Pastor führte Stil als weiteren
Faktor an, was Starl hingegen ablehnte: Seiner Meinung nach müsse die
Definition aus anderen Künsten auf die Fotografie übertragen werden. Aus dem
Publikum kam der Vorschlag, die kunsthistorischen Begriffe „Stadtvedute“ und „Street photography“ als ,Endpunkte’ zu übernehmen. Oder, so die kritische
Bemerkung, sei die einzige Definition von „Großstadtfotografie“: „Fotografie,
die in der Großstadt von der Großstadt gemacht wurde"? Es stellte sich die
Frage, ob die Kategorie überhaupt sinnvoll sei. Starl erwiderte resümierend,
daß die Referenten unter den Begriff der „Großstadtfotografie" sehr
verschiedene Dinge subsumiert hätten, womit immerhin ein Ansatz zu einer
Begriffsdefinition gelegt worden sei. Könnte nicht zuletzt gerade im Vorführen
der neuesten technischen Errungenschaften ein Charakteristikum der „Großstadtfotografie" von 1888-1935 liegen, in bezug auf die Entwicklung der
Fototechnik (von der Plattenkamera hin zur Leica) wie die fotografischen
Motive (von der elektrischen Straßenbahn bis hin zum Panzer)?
Anmerkungen / Links:
[1] Die Ausstellung ist noch bis zum 27. Februar 2005 im Pei-Bau des DHM zu
sehen (tägl. außer Mo. von 10-18 Uhr).
http://www.dhm.de/ausstellungen/roemer/index.html
Zur Ausstellung erschien der 398seitige Katalog „Auf den Straßen von Berlin.
Der Fotograf Willy Römer 1887-1979“, hrsg. von Diethart Kerbs, Deutsches
Historisches Museum Berlin 2004.
[2] Einige der im Vortrag genannten Künstler sind auch über die umfangreiche
Bildbank des Amsterdamer Gemeindearchivs zu recherchieren:
http://gemeentearchief.amsterdam.nl/archieven/beeldbank/
Redaktion: Godehard Janzing

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03.12.2004
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