Date: 26 May 2006

Ulrike Steiner: Die Anfänge der Archäologie in Folio und Oktav. Fremdsprachige Antikenpublikationen und Reiseberichte in deutschen Ausgaben. Stendaler Winckelmann-Forschungen, Band 5, hrsg. von der Winckelmann-Gesellschaft und Valentin Kockel. Verlag Franz Phillipp Rutzen in Ruhpolding, Ruhpolding 2005, 345 S., ISBN 3-938646-02-0, EUR 19,90.

Rezensiert für ArtHist von Charlotte Schreiter

„Eine Geschichte der Archäologie müsste auch eine Geschichte der Erreichbarkeit ihrer Denkmäler umfassen. “ – prägnanter als Valentin Kockel das Vorwort des vorliegenden Buches von Ulrike Steiner einleitet, ließe sich die Thematik tatsächlich nicht umreißen. Gerade die Forschung der letzten Jahre hat sich zunehmend darum bemüht, einerseits die Systematik und das Erscheinungsbild gedruckter Werke der Antiquare seit dem 16. Jahrhundert, andererseits ihre Wirkung auf das Kunstschaffen des Klassizismus sowie die Etablierung der Archäologie als Wissenschaft im 19. Jahrhundert zu untersuchen. In Hinblick auf die archäologischen Methoden der Epoche vor Winckelmann (der zuweilen immer noch monokausal als Begründer der Archäologie im heutigen Sinne angesehen wird) sind diese Untersuchungen zentrale Beiträge zu einer systematischen Wissenschaftsgeschichte. Denn immer noch wird vernachlässigt, daßdas Fundament des Klassizismus Winckelmann’scher Prägung, die – römische – klassische Antike, in ihrer materiellen Präsenz stets nur einem kleineren ausgewählten Personenkreis zugänglich war.

An diesem Punkt setzt Ulrike Steiner an, die sich im Rahmen eines Forschungsprojektes am Archäologischen Institut der Universität Augsburg mit fremdsprachigen Antikenpublikationen und Reiseberichten in deutschen Ausgaben befaßt hat. Ihre Untersuchung, die als Begleitband zu einer Ausstellung in Stendal und verschiedenen anderen Orten erschienen ist, widmet sich dem Phänomen der im 18. Jahrhundert sprunghaft angestiegenen Publikationen archäologischer und antiquarischer Darstellungen sowie der Berichte über Reisen, die zunehmend den östlichen Mittelmeerraum erschlossen. Hierbei geht sie von dem Umstand aus, daßmit dem Bekanntwerden der griechischen Kunstwerke der „relativ konstante Bestand an Denkmälern und Erzeugnissen der römischen Antike“ (S. 11) gerade durch diese Reiseberichte mit neuem Material angereichert wurde. Die osmanische Herrschaft in dieser Region hatte über lange Zeit Reisen dorthin erschwert. Erst nach und nach kamen zunächst von einzelnen Handlungsreisenden zuverlässige Berichte über die legendären Altertümer nach Mitteleuropa.

Aufwendig ausgestattet und in kleinen Auflagen blieben die Reiseberichte jedoch ihrerseits einem Großteil der deutschen Interessenten unzugänglich. Hinzu kam eine Sprachbarriere besonders gegenüber englischen Büchern (S. 17). Diese machten zwar den größten Anteil aus, waren aber anders als heute für den durchschnittlichen Leser schwer entschlüsselbar. Deswegen setzte eine umfangreiche Übersetzungstätigkeit ein, die diese Werke nun auch dem deutschen Leser erschloß (S. 17-22). Verleger und Übersetzer sahen sich mit der nahezu unlösbaren Aufgabe konfrontiert zu entscheiden, welche Teile der oft blumigen fremdsprachigen Berichte dem deutschen Leser überhaupt zuzumuten seien, welche Teile weggelassen werden konnten. Eine höhere Auflage war zudem fast zwangsläufig mit einem Qualitätsverlust der Abbildungen - wenn nicht gar deren völligem Wegfall - sowie der Entscheidung über das Format („Mit oder ohne Bild - Folio oder Oktav“, S. 22) verbunden.

Diese Themenstellung focussiert den eingangs erwähnten Komplex der Zugänglichkeit der Denkmäler für das mitteleuropäische Publikum und verspricht einen Einblick in die Mechanismen des Buchmarktes des 18. und 19. Jahrhunderts ebenso wie in die fortschreitenden Kenntnisse des östlichen Mittelmeerraumes und seiner archäologischen Hinterlassenschaften. Parallel hierzu läßt sich – und das ist einer der zentralen Punkte – die Etablierung einer formal sauberen Bauaufnahme beobachten, wie sie etwa von James Stewart und Nicholas Revett (Antiquities of Athens ... 1762-1816; hier Kat.Nr. 239) vorgenommen wurde. Als Ergebnis einer organisierten archäologischen Expedition erforderte sie einen hohen - auch zeitlichen - Arbeitsaufwand.

Während die beiden englischen Architekten noch mit der akribischen Dokumentation ihrer Bauaufnahmen befaßt waren, gelang dem Konkurrenten Julien-David Le Roy bereits 1758 mit „Les Ruines des plus beaux monuments de la Grèce ...“, Kat. nr. 139) eine zügige Publikation, die Ungenauigkeiten der Darstellung billigend in Kauf nahm. Seine malerisch-dramatischen Veduten entsprachen den Sehgewohnheiten der Leser - noch - viel mehr, sodaß er die Sensation der Erstpublikation der Denkmäler Athens ganz für sich verbuchen konnte.
Ulrike Steiner legt genau an diesen Punkten sehr anschaulich dar, wie durch solche Konkurrenzen eine Lawine von Veröffentlichungen, Plagiaten und Übersetzungen losbrach, die zu einer veränderten Sicht auf die klassische Antike führte.

Die Einleitung (S. 9-28) ist insgesamt kurz, aber prägnant. Als Einleitung eines Ausstellungs-Begleitbandes ist der Text zu Recht allgemein verständlich gehalten. Darüber hinaus bietet er aber eine hohe Informationsdichte. Substanz erhält die Einleitung dann durch den Katalogteil (S. 33-310), der Publikationen des 17.-19. Jahrhunderts umfaßt, die archäologische Kenntnisse zur Antike vermitteln, vor allem aber deren deutschsprachige Übersetzungen: Reisebeschreibungen, soweit sie archäologisch relevant sind, machen hierbei mehr als die Hälfte aus, hinzu kommen die zentralen Grabungs- und Sammlungspublikationen der Epoche (z.B.: Kat.nr. 1: Le antichità di Ercolano esposte (1757-1792); Kat.nr. 120: Sir William Hamilton: Collection of Engravings from antique Vases ... (1791-95)).

Zu jedem Eintrag finden sich in alphabetischer Reihenfolge der Autoren jeweils eine Aufstellung der fremdsprachigen ‚Mutterexemplare’ und ein ‚Stammbaum’ an Kindern ihrer deutschen Übersetzungen, Ausgaben und Adaptionen. Erläuterungen zur Entstehung und Geschichte ergänzen diese Angaben. Die jeweilige Dokumentation ist erschöpfend vollständig und reicht von der bibliographischen Referenz über eine kurze Beschreibung, Namen von Autor, Zeichner und Stecher, Angaben zu Auflage und Vertrieb bis hin zur wichtigsten Sekundärliteratur. Charakteristische Gegenüberstellungen von Titelblättern und zentralen Illustrationen veranschaulichen Modifikationen in der Wiedergabe, die gegenüber den Originalausgaben zu einer veränderten Wahrnehmung des deutschen Lesepublikums geführt haben dürften. Die Dokumentation erfolgt auf der Grundlage einer umfangreichen Autopsie in deutschen Bibliotheken. An den Katalogteil schließt ein sehr nützliches Verzeichnis der Biographien deutschsprachiger Übersetzer, Bearbeiter und Herausgeber an (S. 311-322) sowie ein Literaturverzeichnis, das den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt.

Der Katalog als Herzstück bietet damit eine Fülle von Einzelinformationen, die als breite Basis für weitere Forschungen auf diesem Gebiet dienen können und sollten. Eine weiterführende Auswertung hinsichtlich der tatsächlichen Verkaufszahlen, der zeitgenössischen Rezeption und Verbreitung der Werke und ihrer Wertschätzung bietet sich an. Insgesamt ist die Publikation ein gründlich erarbeitetes, leicht erschließbares und nützliches Kompendium zu einem wichtigen Kapitel der Geschichte der Archäologie.


Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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