| Michael Govan und Tiffany Bell (Hrsg.):
Dan Flavin. The Complete Lights.
1961-1996.
With an Essay by Brydon E. Smith and Catalogue of Lights by
Tiffany Bell and David Gray. Dia Art Foundation, New York, und Yale
University Press, New Haven und London 2004. ISBN 0 944521-51-7 (Dia)
0-300-10633-5 (Yale); 432 Seiten., 65 b/w, 515 Farbabb.; 150 USD.
Tobias Vogt
Die Leuchtstoffröhren, die von 1938 an die Welt der Innen- uns Außenräume
erobert haben, sind im Verschwinden begriffen. Halogene heißen die
Leuchtstoffe der Stunde. Sie haben eine höhere Lichtausbeute, flackern nicht
in langen Glaszylindern, sondern passen in kompakte Glühbirnen. Für die
Werke von Dan Flavin verheißt dieser technische Fortschritt nichts Gutes: Es
wird auf kurz oder lang keinen Nachschub für seine Leuchtstofflampen-Objekte
mehr geben. 2100 Stunden, das hat der Künstler selbst überschlagen, sei die
durchschnittliche Lebensdauer des elektrischen Systems einer
Leuchtstofflampe. Mehr Licht gibt es nicht, so Flavins Vermutung.
Ausgerechnet mit dem Ableben der Lampen erscheint nun Flavins
Werkverzeichnis, und die Historisierung der sogenannten Minimal Art nimmt
mit den ersten Catalogue raisonné eines ihrer Vertreter eine weitere Stufe.
Das Werkverzeichnis erscheint in doppelter Hinsicht: Allein schon der
Schuber des imposanten Bandes leuchtet einem geradezu entgegen. Die
zahlreichen Farbabbildungen im Innern vermitteln einen Eindruck von der
Wirkung des Lichts, das den Betrachterkörper im Angesicht der Installationen
unumschränkt betrifft. Das klare Layout ist angelehnt an die gradlinige
Gestaltung, die Flavin (1933-1996) zu Lebzeiten für seine eigenen Kataloge
bestimmte.
Michael Govan und Tiffany Bell haben den Catalogue raisonné herausgegeben.
Govan ist Präsident und Direktor der Dia Art Foundation, die Zeit ihres
Bestehens Flavins Kunst förderte und ausstellte, und Bell ist
Projektleiterin zur Erstellung eben des Werkverzeichnisses. Zu den Essays
der beiden gesellen sich eine Beitrag von Brydon E. Smith, 1969 als Direktor
der National Gallery of Canada in Ottawa für Flavins erste Retrospektive
verantwortlich, ein Text von Flavin selbst und zwei Interviews mit dem
Künstler. Diese erste Hälfte des Buches ist zugleich auch der
Ausstellungskatalog der jüngsten Flavin-Retrospektive, die von Washington
nach Fort Worth und Chicago wandern wird. Die zweite Hälfte füllt der
Catalogue raisonné, den Bell mit der Hilfe von David Gray erarbeitet hat.
Govans Essay „Irony and Light“ ist in drei Teile gegliedert, die das Werk
chronologisch behandeln, allerdings thematisch unterschiedliche Schwerpunkte
setzen. Zunächst vollzieht Govan den Übergang von Flavins kalligraphischen
Zeichnungen und Assemblagen nach 1960 zu den „icons“, zumeist auf
quadratischen Bildträgern befestigte Glühlampen, Lichterketten oder
Leuchtstofflampen nach. Sie führen direkt zu „the diagonal of May 26th, 1963
(to Constantin Brancusi)“, einer acht Fuß langen, gelben Leuchtstofflampe,
die Flavin ohne Zusatz diagonal an die Wand seines Ateliers in Brooklyn
montierte. Mit dieser Initialzündung reduzierte er sein Material auf ein
Minimum und arbeitete seither ausschließlich mit standardisierten
Leuchtstofflampen in handelsüblichen Formen und Farben. Ein besonderes
Gewicht legt Govan auf die Erläuterung von Flavins „'monuments' for V.
Tatlin“ aus dem Jahr 1964, die in der Washingtoner Präsentation zahlreich
vertreten sind.
Ist der ersten Teil des Essays entlang der Kommentare strukturiert, die
Flavin in den sechziger Jahren veröffentlichte, kommen im zweiten Teil die
Kritiker zu Wort. Hier öffnet der Autor das Werk gegenüber dem Kontext,
maßgeblich gegenüber der Minimal Art. Er hält sich an Texte von Donald Judd,
Mel Bochner oder Jack Burnham. Der Letztere ging auf Distanz zu Flavin, ohne
dessen Werk jedoch zu disqualifizieren. In seiner Besprechung der
Retrospektive in Ottawa analysiert Burnham die aggressiven
Abgrenzungsversuche von Flavin gegen jedwede Kontextualisierung, auch
gegenüber der Minimal Art. Hier bleibt zu beobachten: So elegant wie Flavin
die tödlichen 220 Volt in seinen Röhreninstallationen verkleidet, so elegant
sind seine Verunglimpfungen von Kritikern und anderen Künstlern, die er in
gewähltem Englisch vorträgt.
Govans Text, der im dritten Teil maßgeblich die ortsspezifischen
Installationen des Spätwerks nennt, ist als Einführung in Flavins Werk
ausreichend. Er leidet aber unter seiner Doppelfunktion, zugleich einen
Ausstellungskatalog und ein Werkverzeichnis bedienen zu müssen. Vielleicht
ist es dem dadurch notwendigen Kompromiß geschuldet, daß Govan einige
Aspekte außer Acht läßt: Zum Beispiel findet sich in Flavins Katalog von
1969, der Govan als Einstieg in seinen Essay dient, ein Foto der Ausstellung „constructions and watercolors“, die 1961 in der Judson Gallery stattfand.
Hier sind Flavins frühe Assemblagen und Aquarelle zu sehen, beleuchtet von
einem Paar Leuchtstofflampen. Doch dienen diese hier noch der
Galeriebeleuchtung. Der Einfluß der Inneneinrichtung von Ausstellungsräumen
auf die Kunst wird gleichwohl ersichtlich. Flavin selbst hat darauf
hingewiesen, daß ihm als Wärter des Museums of Natural History die zündende
Idee zu einer Kunst mit Leuchtstofflampen kam. Dabei ist weniger Flavins
Berufstätigkeit von Belang, als ein Blick ins Museum selbst. Es war bekannt
für seine Dioramen und wurde Anfang der sechziger Jahre neuartig und
aufwendig beleuchtet. Govan versäumt hier die Gelegenheit, zu diskutieren,
inwiefern von der Ausstellungsbeleuchtung der Funke zu Flavins Lichtkunst übersprang. Die Architektur, auf die zunehmend das Spätwerk Bezug nimmt, und
die Kunst beeinflußten sich nämlich wechselseitig.
Ebenso schade ist, daß der Text allzu knapp auf die auffällige
Widmungsrhetorik in Flavins Werktiteln eingeht. Auch hier hätte Govan das
zeitgenössische Umfeld berücksichtigen können. Sowohl bei den Sprachspielen
in dem Schriften der Minimalisten als auch bei Barnett Newman, der über das
Widmungsverfahren mit Flavin wetteiferte, wäre er fündig geworden. Mit
Newman verbindet Flavin noch mehr: In beider Werk findet die ästhetische
Kategorie des Erhabenen ihr Fortleben - bei Flavin allerdings ironisch
gebrochen. Immerhin las auch er Robert Rosenblums Aufsatz „The Abstract
Sublime“. Es mag der Konjunkturflaute des Begriffs geschuldet sein, daß der
Essay von Govan und im übrigen der gesamte Band ihn aussparen. Vielleicht
stand auch zu befürchten, daß Flavin damit in eine historische Kontinuität
eingebettet würde und nicht mehr der Künstler ohne Einflüsse wäre, als den
er sich zeitlebens inszenierte. Doch verwehrt Govan dadurch entscheidende
Einsichten in ein Werk, das gerade durch die ambivalente Anbindung an
Traditionen bedeutungsvoll und im besten Sinne Avantgarde ist.
Tiffany Bells Essay „Flourescent Light as Art“ ist hingegen eine wichtige
Ergänzung zur mittlerweile umfangreichen Flavin-Literatur [1]. Sie macht auf
das womöglich entscheidende Merkmal seiner Kunst aufmerksam: Flavins Werke,
die ab 1963 ausnahmslos aus dem Markenzeichen Leuchtstofflampe bestehen,
sind eben nicht mit Judds Objekten, Robert Morris' Werken oder Barnett
Newmans Gemälden zu verwechseln, sondern mit Nicht-Kunst, mit alltäglicher
Beleuchtung, mit „a neutral pleasure of seeing known to everyone“[2], so
Flavin. Stellte sich in der klassischen Moderne angesichts eines abstrakten
Bildes noch die Frage, wer das Werk geschaffen habe, lautet sie seit den
sechziger Jahren angesichts eines minimalistischen Objektes, ob es sich um
Kunst oder um einen Gebrauchsgegenstand, bzw. Dekoration handele. Das
verdeutlicht Bell.
Diese Veränderung, die mit der Spezialisierung auf jeweils bestimmte
Materialen in der Minimal Art einhergeht, ist paradigmatisch für die
Kunstgeschichte der sechzigen Jahre. Seine Spezialisierung auf
Leuchtstofflampen ließ Flavin letztlich auch immer plausibilisieren, daß
seine Arbeiten nichts mit denjenigen von Judd, Morris, Sol LeWitt oder Carl
Andre gemein hätten. Mit Flavins Leuchtstofflampen ist kaum mehr zwischen
Kunst und „außerkünstlerischer Wirklichkeit“ (Max Imdahl übernahm diese
Wendung von Arnold Gehlen) zu trennen. Duchamps Ready-mades näherten sich
zwar der Aufhebung dieser Trennung, vollzogen sie allerdings nicht, weil sie
entfunktionalisiert und zum Teil signiert waren. Flavins Leuchtstofflampen
hingegen leuchten. Und - das ist die wohl stärkste Ironie des Werks, wie
Barbara Reise bemerkt hat - sie leuchten „w i r k l i c h künstlich,
manchmal bis hin zu elektrischem 'Tageslicht'“[3].
Daneben macht Bell einige Angaben, die für ein Werkverzeichnis nützlich
sind: Der Leser erfährt, daß die Normen für Leuchtstofflampen in Europa und
Nordamerika unterschiedlich und deshalb die ortsgebundenen Installationen
jeweils mit unterschiedlichem Rohmaterial bestückt sind. Er erfährt überdies, wie Flavin die Einrichtung seiner Installationen überwachte und
welche Techniker die Lampen montierten. Bell klärt vor allem über die
Editionsmethode für nicht-ortsgebundene Werke auf und darüber, daß Flavin
mit den entsprechenden Zertifikaten den Käufer nicht autorisierte, kaputte
Röhren selbst auszuwechseln. Die Lebensdauer seiner Kunst, das war Flavins
Hoheitsgebot, sollte endlich sein. Auch dies war eine ambivalente Anbindung
an die Tradition: Flavin gab den Schaffensprozeß, entgegen neuen Tendenzen
in den sechziger Jahren, nicht ganz aus der Hand.
Im Anschluß erinnert sich Brydon E. Smith in seinen „Recollections and
Thoughts about Dan Flavin“ an das Zustandekommen von Flavins erster
Retrospektive 1969 in Ottawa. Er beschreibt die ausgeführten Installationen,
die viele Farbabbildungen dokumentieren, liefert Hintergrundinformationen
und Anekdoten. Die erste Hälfte des Bandes, der mit dem Washingtoner
Ausstellungskatalog identisch ist, beschließen die üblichen Angaben:
ausgewählte Ausstellungen, eine ausführliche Bibliographie und eine
bebilderte Künstlervita. Im Appendix stehen Flavins berühmtester Artikel „'... in daylight or cool white.' an autobiographical scetch“ und zwei
Interviews mit dem Künstler. Sowohl Phyllis Tuchman als auch Tiffany Bell
erhielten auf ihre Fragen zum Teil nur indirekte Antworten. Hier wird die
rhetorische Begabung des Künstlers ablesbar. Aber selbst Flavins Ausflüchte,
das erkannte schon Jack Burnham, sind durchaus bedeutsam.
Tiffany Bell weist in ihrem Essay darauf hin, mit welcher Genauigkeit Flavin
als Sammler amerikanischer Gläser, japanischer Drucke oder Zeichnungen der
Hudson River School seinen Besitz katalogisierte. Das scheint sie ermutigt
zu haben, auf dieselbe Weise mit seinem Werkverzeichnis zu verfahren. In den
697 Einträgen folgt auf den Titel das Jahr, das Material und die Maße. Bei
den nicht-ortsgebundenen Leuchtstofflampen-Objekte sind zudem die Anzahl der
Editionen und die existierenden Ausführungen angegeben. Die weiteren
Einträge lauten „Inscriptions“, „Notes“, „Solo Exhibitions“ und„Publications“. Daß die Provenienzen und der Verbleib der Werke nicht
verzeichnet sind, entschuldigt Bell einleitend mit der Menge an
Recherchearbeit. Es ist in der Tat sehr schwierig, den zumeist in einer
Auflage von drei oder fünf produzierten Exemplaren nachzuspüren. Doch gehen
dem Catalogue raisonné so auch wichtige, für manchen Kurator oder Galeristen
sogar entscheidende Informationen über den momentanen Aufenthaltsort der
Arbeiten verloren.
Da kaum ein Foto das abstrahlende Licht der Werke authentisch einfängt,
kommen Diagramme den Farbabbildungen im Werkverzeichnis zu Hilfe. Sie
basieren auf Flavins Inventar und komplettieren den Großteil der Einträge,
indem sie die wesentlichen Informationen über Art und Plazierung der Lampen
sowie Richtung des Lichts angeben. Mithilfe dieser einfachen Lösung erhält
der Leser - oder besser: Betrachter - beim Durchblättern einen Eindruck von
der Entwicklung des ‘uvres. Seit „the diagonal of May 26th, 1963 (to
Constantin Brancusi)“ besteht es zwar ausschließlich aus Leuchtstofflampen,
aber es besetzt verstärkt zunächst den Innen- und später auch den Außenraum.
Flavins Kunst hatte ihre Höhepunkte fraglos in den sechziger Jahren. Die
Entscheidung, eine einfache Leuchtstofflampe in seinem Atelier diagonal zu
montieren, war in ihrer Radikalität kaum abschätzbar. Sie beinhaltete eine
Fülle von Implikationen und Deutungsangeboten, die weitreichend genug waren,
ein ganzes Künstlerleben zu füllen. Flavin war klug genug, dies zu erkennen.
Anmerkungen:
[1] Gesammelte Aufsätze zu Flavin wurden jüngst ediert: Paula Feldman und
Karsten Schubert (Hrsg.): It Is What It Is. Writings on Dan Flavin. Thames
and Hudson 2004.
[2] Dan Flavin: some remarks... excerpts from a spleenish journal. In:
Artforum, Vol. V, No. 4, Dec. 1966, S. 27-29, hier S. 27.
[3] Barbara Reise: „Untitled 1969“: a footnote on art and minimal-stylehood.
In: Studio International, Vol. 177, No. 910, Apr. 1969, S. 166-172. Dt. in:
Gregor Stemmrich: Minimal Art. Eine kritische Retrospektive. Dresden und
Basel 1995. S. 375-401, hier S. 387.
Redaktion: Rainer Donandt

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