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Stephan Albrecht:
Die Inszenierung der Vergangenheit im Mittelalter: Die
Klöster Glastonbury und Saint-Denis.
Kunstwissenschaftliche Studien 104,
München & Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2003; 304 S., 136 s/w-Abb.,
ISBN 3-442-069394-3.
Markus Späth
Wieso basierten frühgotische Kirchen auf den für sie anachronistischen
Grundrißdispositionen ihrer Vorgängerbauten? Stephan Albrecht untersucht
am Beispiel der Klöster Glastonbury und Saint-Denis die Bedeutung der
monastischen Bautätigkeit und Bildproduktion für die historische
Erinnerung von Institutionen während des Hoch- und beginnenden
Spätmittelalters. Durch sein Erkenntnisinteresse jenseits der Gattungs-
und Epochenkategorien der Kunstgeschichte vermag er vielfältige
konzeptionelle Sinnbezüge zwischen den unterschiedlichsten dort
geschaffenen Zeugnissen offenzulegen. Gerade durch den Vergleich zweier
so weit voneinander entfernter Klöster wie Saint-Denis und Glastonbury
kann der Verfasser überzeugend aufzeigen, daß in unterschiedlichen
Regionen des hochmittelalterlichen Europas monastische Gemeinschaften
vergleichbare Strategien anwandten, um nicht nur mit Texten, sondern auch
mit künstlerischen Mitteln ihr kollektives Gedächtnis der besonders
wertgeschätzten Vergangenheit visuell wahrnehmbar zu gestalten. Dieser
Ansatz sensibilisiert für ein differenzierteres Verständnis der
künstlerischen Innovationen der Frühgotik. Daß der Verfasser dabei die „Inszenierung“ nicht als statischen Zustand auffaßt, sondern deren
prozeßhafte Entwicklung über mehrere Jahrhunderte aufzeigen kann, macht
diese Studie methodisch besonders überzeugend. Dazu zieht Stephan
Albrecht die umfangreiche historiographische und hagiographische
Textproduktion beider Klöster im 12. und 13. Jahrhundert heran, um sowohl
für die Bau- als auch für die Ausstattungskampagnen variierende
inhaltliche Gewichtungen im Vergangenheitsbild der Mönche nachzuweisen.
Die gut lesbare Studie gliedert sich nach einer kurzen Einleitung (S. 9-
17) in drei umfangreiche Kapitel: Glastonbury (S. 19-122) und Saint-Denis
(S. 123-182) ist jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet, ehe die Befunde
aus den beiden Abteien miteinander verglichen werden (S. 183-264). In
beiden monographischen Kapiteln bereitet der Verfasser zunächst jeweils
das über Texte der Eigengeschichtsschreibung transportierte
Vergangenheitsbild auf. Dieses vergleicht er dann mit den Bau- und
Bildwerken, die im jeweiligen Kloster während des Hoch- und
Spätmittelalters zur Inszenierung der Vergangenheit geschaffen wurden. Dabei steht die Architektur im Mittelpunkt, die sich - auch im nur ruinös
überkommenen Glastonbury - am besten von allen untersuchten Zeugnissen
erhalten hat. Daneben stellt er die Ausstattung der Klöster und
insbesondere die ihrer Kirchen als Teil der Gesamtinszenierung vor. Diese
methodische Stärke hat zugleich eine argumentative Schwäche der Arbeit
zur Folge: Während in Saint-Denis die Ausstattung immerhin noch
fragmentarisch erhalten ist, ist jene in Glastonbury vollständig
verloren. Daher muß der Verfasser für beide Klöster vor allem auf
frühneuzeitliche Beschreibungen und Abbildungen zurückgreifen. Dabei
irritiert der unkritische Umgang mit der frühneuzeitlichen Überlieferung,
die in der Untersuchung als vermeintlich authentische Wiedergabe des
mittelalterlichen Bestandes erscheint und nicht nach ihrem Quellenwert
hinterfragt wird. Wesentlich überzeugender ist Albrechts Umgang mit der
mittelalterlichen Klosterhistoriographie. Dabei beleuchtet der Verfasser
auf textkritische Weise die Wahrnehmung der aus der Vergangenheitüberkommenen Architektur und Ausstattung der Klöster durch ihre
mittelalterlichen Geschichtsschreiber.
Der unterschiedliche Erhaltungszustand von Bauten und Ausstattung in
beiden Klöstern hat zur Folge, daß Albrecht im monographischen Kapitel zu
Glastonbury den Wandel des Vergangenheitsbildes im Verlauf der
Jahrhunderte analysiert, während er für Saint-Denis den Zeugnisbestand
und dessen Veränderungen zur Amtszeit Sugers systematisch aufbereitet. Um
die mediale Vielfältigkeit und Komplexität visueller monastischer
Vergangenheitsinszenierung Rechnung tragen zu können, hat Albrecht sowohl
die architektonischen wie auch die bildkünstlerischen Zeugnisse in drei
Kategorien unterteilt (S. 14-16): So wurden einmal alte und in der
mittelalterlichen Deutung vermeintlich originale Artefakte als„Erinnerungsstücke“ onserviert und in Szene gesetzt. Da der
Untersuchungszeitraum sich durch die Dichotomie zwischen einem „Zwang zur
Erinnerung“ und den „repräsentativen Bauzwang“ in Klöstern auszeichnete,
ersetzte man gerade damals alte Objekte durch „Kopien“: Deren Formen
wurden in neuen Bild- und Bauzeugnissen aufgegriffen, um die Zeiten zu
vergegenwärtigen, aus denen die zugrundeliegenden Originale stammten. Als
dritte Kategorie definiert Albrecht „Memorialbilder“, also in der (hoch-
und spätmittelalterlichen) Gegenwart geschaffene Zeugnisse, die über
ihren Inhalt und nicht über ihre Form an Personen, Ereignisse oder
Gegebenheiten aus der Vergangenheit erinnerten. Mit diesem begrifflichen
Gerüst kann die Studie besonders bei der Architekturanalyse überzeugen:
Für die grundlegende Neugestaltung Saint-Denis' durch Suger kann gezeigt
werden, daß hier als Reaktion auf eine tiefe Existenzkrise alte Bauteile
als „Erinnerungsstücke“ und Architekturzitate als „Kopien“ in den
modernen frühgotischen Bau integriert wurden (S. 132-157 und S. 233-254).
Bei der Neuerrichtung Glastonburys Ende des 12. Jahrhunderts vermag der
Verfasser für die moderne Architekturgeschichte die als überkommen
eingestuften Stilelemente als bewußte Inszenierung zu deuten: So kann er
die Marienkapelle der Klosterkirche als Kopie des 1184 zerstörten Baus
der vetusta ecclesia interpretieren, welche als Ursprungsbau verehrt
wurde (S. 73-85). Es gelingt damit zu belegen, daß die Stilkategorien von ‚alt‘ und ‚modern‘ im Hoch- und Spätmittelalter komplementär die
Architektur einer Klosterkirche prägten.
Trotz der schlechten Überlieferungslage gelingt es Albrecht, auch die
Ausstattung der im Hochmittelalter baulich erneuerten Kirchen als
integralen Teil einer auf historischer Erinnerung zielenden Ästhetik in
den Klöstern zu rekonstruieren. Er stellt dabei die Inszenierung alter
Gegenstände als „Erinnerungsstücke“ und die Aufstellung von„Memorialbildern“ als entscheidend angesehener Gründer- und
Stifterfiguren im Kirchenraum in den Mittelpunkt. Diese manifestierte
sich insbesondere in Grabfiguren, die seit dem Hochmittelalter zu
Bestandteilen umfassender königlicher Grablegen wurden. Am Beispiel Saint-
Denis' kann der Verfasser aufzeigen, daß von den dort seit Suger
nachweisbar verehrten und in der Kirche inszenierten Gegenständen die
meisten auf Stiftungen Dagoberts und Karls des Kahlen zurückzuführen
sind. Die besondere Vergegenwärtigung dieser fränkischen Herrscher wurde
in Saint-Denis nicht nur über diese Gegenstände praktiziert, sondern auch über deren dortige Grabstätten. Vergleichbare Memorialstrukturen kann
Albrecht für die Verehrung des legendarischen Britenköngs Artus in
Glastonbury nach der Entdeckung seines vermeintlichen Grabes im Jahr 1191
aufzeigen (S. 90-102). Aufgrund des weitgehenden Verlustes der „Erinnerungsstücke“ und „Memorialbilder“ in beiden Klöstern ist es nicht
mehr möglich, deren innerbildliche und mediale Strategien zu untersuchen.
So bleibt es letztlich bei einer rekonstruktiven Aufarbeitung ihrer
vormaligen Ausstattungen.
Um zumindest eine Vorstellung entsprechender Visualisierungsstrategien zu
vermitteln, vergleicht Albrecht im dritten Kapitel der Arbeit die in
Glastonbury und Saint-Denis erhobenen Befunde zu den „Memorialbildern“,
den Ursprungsbauten und den dort als „Erinnerungsstücken“ inszenierten
alten Gegenständen sehr umfassend mit erhaltenen Objekten vergleichbarer
englischer und französischer Institutionen (S. 183-264). Sein Titel, „Die
Inszenierung der Vergangenheit: Glastonbury und Saint-Denis im Vergleich“,
hätte eine unmittelbare Zusammenschau beider Klöster erwarten lassen.
Doch vielmehr werden beispielsweise die Grabmonumente als „Memorialbilder“ jeweils ausführlich im nationalen Kontext erörtert
(Glastonbury und England S. 190-201; Saint-Denis und Frankreich S. 201-
222), wohingegen dem direkten Vergleich der Klöster nur drei Seiten
gewidmet wird (S. 222-224). Da etwa die „Memorialbilder“ aus Saint-Denis
bereits im unmittelbar vorangegangenen monographischen Kapitel besprochen
worden waren (S. 175-182), führt dieser für Leser sehr übersichtliche und
didaktische Aufbau der Untersuchung immer wieder zu Redundanzen. Ein
argumentativer wie analytischer Fortschritt vollzieht sich hier wie an
anderen Stellen des Buches nur langsam.
Für Albrechts innovative Fragestellung ist es paradigmatisch, daß er sich
nicht nur auf kunst- und baugeschichtliche Forschungsliteratur
beschränkt, sondern für seine beiden Fallstudien umfassend
bauarchäologische sowie historische Studien rezipiert. Es ist dagegen
schade, daß er jüngere Untersuchungen US-amerikanischer Provenienz zum
kulturellen Gedächtnis hochmittelalterlicher Institutionen
unberücksichtigt läßt: Sowohl Linda Seidels Versuch, die Architektur und
Bauplastik von Saint-Lazare in Autun als Erinnerungsraum zu deuten (1),
als auch Robert Maxwells Studie zur Visualisierung historischer
Kontinuität in der klösterlichen Buchillustration (2) hätten das Profil
von Albrechts anregender Untersuchung ebenso schärfen können wie die
Arbeiten Amy Remensynders und Patrick Gearys zur
Vergangenheitskonstruktion hochmittelalterlicher Klöster durch die
Verschränkung legendarischer, historiographischer und kopialer Überlieferung (3). Dadurch hätte auch für Saint-Denis die Funktion der
Kunst bei der Rekonstruktion einer durch tiefgreifende Umbrüche im 10.
und 11. Jahrhundert verlorenen Erinnerung stärker herausgearbeitet werden
können, die Albrecht so überzeugend für Glastonbury aufzeigen kann: Da er
Formen und Inhalte der Bau- und Bildproduktion immer wieder an der
zeitgenössischen Wahrnehmung historischer Wendepunkte spiegelt,
insbesondere den der normannischen Invasion des Jahres 1066, schafft er
für die Forschung einen neuen Zugang für Historismen und spezifische
Erscheinungsformen der englischen Architektur und Kunst des Hoch- und
Spätmittelalters. Es ist dieser Arbeit, die ausgetretene methodische
Pfade verläßt um nach neuen Wegen zu suchen, sehr zu wünschen, daß sie
eine breite Rezeption finden wird.
(1) Linda Seidel, Legends in Limestone: Lazarus, Gislebertus, and the
Cathedral of Autun (Chicago & London, 1999).
(2) Robert A. Maxwell, „Sealing Signs and the Art of Transcribing in the
Vierzon Cartulary,“ The Art Bulletin, 81 (1999), S. 576-593.
(3) Amy G. Remensnyder, Remembering Kings Past: Monastic Foundation
Legends in Medieval Southern France (Ithaca & London, 1995); Patrick J.
Geary, Phantoms of Rememberance: Memory and Oblivion at the End of the
First Millenium (Princeton, 1994).
Redaktion: Achim Timmermann

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16.07.2004
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