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G. Ulrich Großmann (Hg.):
Politik und Kunst in der DDR. Der Fonds Willi Sitte im Germanischen
Nationalmuseum.
Nürnberg 2003; Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen
Nationalmuseums, Bd. 23. 200 Seiten, 6 sw, 16 farbige Abb., Festeinband,
27 x 22 cm. ISBN 3-926982-98-5, Preis Euro 23,50.
Andrea Schmidt-Niemeyer
"Ich kann nicht sehen, dass hier nur ein einziger wissenschaftlicher
Vortrag gehalten worden ist, sondern ich glaube, es waren sehr viele da,
die nach bestem Wissen und Gewissen und unter breiter Kenntnis des Materials
einen Beitrag zum Verstehen eines komplexen und strittigen historischen
Phänomens leisten, die uns helfen wollen, herauszukommen aus jener
vorurteilsbehafteten Anschauung der Dinge, die nicht wirklich verstehen
will." (S. 177)
Diese Äußerung von Frank Büttner auf der Schlussdiskussion
trifft am ehesten die Stimmung der zweitägigen Tagung im Germanischen
Nationalmuseum Nürnberg (GNM), die im Juni 2001 zu Willi Sitte stattfand
und deren Ergebnisse zwei Jahre später veröffentlicht vorliegen.
Interessant sind dabei weniger die nun schriftlich fixierten Referate,
die nicht viel Neues zur bereits seit Jahren geführten Diskussion
beitragen, sondern die ebenfalls veröffentlichten Diskussionsbeiträge,
die für weitere Überlegungen, wie denn mit dem Erbe 'DDR-Kunst'
umzugehen sei, wichtige Anstöße geben.
Anlass des Symposiums war der Aufschub der für den Sommer 2001 geplanten
Sitte-Ausstellung im GNM. Nachdem man sich auf Seiten des Verwaltungsrats
nicht in der Lage gefühlt hatte, ohne weitere, angeblich noch notwendige
Recherchen die Präsentation durchzuführen, kam es in den deutschen
Feuilletons zu einem Sturm der Entrüstung und vergleichbaren Turbulenzen
wie 1999 bei der Weimarer Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne".
Man wollte für die Archiv-Ausstellung noch weitere Quellen außerhalb
des Fonds zu Rate ziehen, ein für die GNM-Reihe 'Werke und Dokumente'
ungewöhnliches Vorgehen. "Anlass waren ungeklärte Vorgänge"
(S.7) - der sogenannte "Fall Göschel" aber auch andere,
auf der Tagung immer wieder angesprochene und teilweise belegte (und von
anderer Seite wiederum widerlegte oder bestrittene) Vorfälle und
Benachteiligungen von Künstlern durch den Funktionär Sitte.
Es sollte "nach einer schriftlichen Intervention des Kulturbeauftragten
der Bundesregierung, Naumann, vermieden werden, die bereits zur DDR-Zeit
schwer geschädigten Künstler erneut zu brüskieren"
(S.9).
Daraufhin veröffentlichten Sitte und seine ehemaligen Weggenossen
die für den Ausstellungskatalog vorgesehenen und dem Künstler
wohlgesonnenen Artikel - unter der Herausgeberschaft des ehemaligen Ersten
Sekretärs des Verbands Bildender Künstler der DDR, Horst Kolodziej.
[1] Gespickt mit Vorwürfen gegen Nürnberg goss die Publikation,
wenn auch in der breiten Öffentlichkeit nicht sonderlich wahrgenommen,
noch zusätzlich Öl ins Feuer. Denkbar ungünstige Vorraussetzungen
für eine unvoreingenommene und sachliche Diskussion, wie sie das
GNM mit dem Symposion anstrebte. Dass dieses als eine der zentralen Fragen
die Verbindungen zwischen Macht und Kunst in der DDR beleuchten sollte,
verdeutlicht, dass die Auseinandersetzung um die Person Willi Sitte eigentlich
nur Ausgangspunkt einer sehr viel grundlegenderen Aussprache war.
Bereits im Symposium wurde der Wunsch geäußert, die Beiträge
zu veröffentlichen, um damit eine breitere Diskussion zu ermöglichen
- dies wurde sicherlich auch dadurch begünstigt, dass es wenig Hoffnung
gab, eine Sitte-Ausstellung werde nach Absage des Künstlers selbst
doch noch stattfinden und dass somit dieser Band eine Form des Abschlusses
des "Falles Sitte" bedeutet.
Zwei Vorträge fanden in der Publikation keine Aufnahme. Klaus Michael
untersuchte den Einfluss der Partei auf Autoren und Literatur in der DDR,
und Walter Lindner beschäftigte sich mit dem Frauenbild im Werk Sittes
"als Indikator für Veränderungen in Kunsttheorie und gesellschaftlicher
Praxis" [2] - insbesondere der letztere Beitrag wäre eine Bereicherung
gewesen, da bis auf zwei Artikel sich alle anderen mit Sittes Funktionärsrolle
und weniger mit seiner Kunst auseinandersetzen.
Der Band gliedert sich in fünf Blöcke und folgt damit im großen
und ganzen dem Tagungsablauf. Zu Beginn stehen drei einführende Texte.
Der letzte Beitrag von G. Ulrich Großmann war dabei nicht Bestandteil
des Symposiums, sondern bietet im Rückblick ein kommentiertes "Presseecho
zum Fonds, zur Ausstellung und zum Symposium" (S.28-39). Eine Platzierung
dieses Artikels am Ende der Publikation oder auch ein Abdruck der wesentlichen
Pressemitteilungen wäre vielleicht die geeignetere Alternative gewesen.
Auch der erste Beitrag, Reiner Zimmermanns Analyse der bisherigen Vorkommnisse
zur geplanten Ausstellung und ihrer Absage (S.12-18), fasst verschiedene
Stellungnahmen - teilweise in ihrem Sachverhalt korrigiert - zusammen. In
ihrem Ton verdeutlichen diese die tiefen und unüberbrückbaren Gräben zwischen
den Parteien, die auch die folgenden Referate und anschließenden Diskussionen
bestimmen werden.
Nachdem durch Zimmermann der eigentliche Grund des Zusammentreffens
verbalisiert wurde, setzt sich Martin Sabrow mit den "Probleme[n] einer
Historisierung der DDR" (S.21-25) auseinander und ermöglicht mit seiner
gelungenen Analyse einen Blick über den konkreten Fall Sittes hinaus. Die
anschließende Diskussion lobte die Komplexität des Vortrags und betont die
Dringlichkeit, vom Denken als "Wessi" oder "Ossi" wegzukommen und statt dessen"das zu befördern, was heute eigentlich im innerdeutschen Dialog nötig wäre,
nämlich eine Revision der eigenen Vorurteile, ein Durchstreichen der eigenenÜberheblichkeit" (S.25). So richtig diese Darstellung ist, so sehr übersieht
sie jedoch eines: dass der Standpunkt nicht von der geographischen, sondern
eher von der ideologischen Herkunft der Kontrahenten bestimmt wird.
Nach diesen Eröffnungen setzen sich Beatrice Vierneisel und Jürgen
Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichhorn mit Politik und Kultur der DDR
auseinander. Während letzterer eine an etlichen Stellen polemische, hochgradig
subjektive Innenansicht eines von den DDR-Mechanismen betroffenen Galeristen
und Penck-Getreuen bietet (S.51-59), die erwartungsgemäß in den
Diskussionsbeiträgen nicht unwidersprochen bleibt, verschafft Vierneisels
umfangreicher Artikel zur "bildenden Kunst der DDR in den deutsch-deutschen
Verhältnissen" (S.40-48) mit zahlreich weiterführenden Fußnoten und
Literaturangaben einen komprimiert informativen Rückblick auf die Entwicklung
der DDR-Kulturpolitik und den sich wandelnden West-Blick auf die DDR-Kunst-
von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall. Abschließend stellt sie fest, dass
es bisher keine Ausstellung, die sich mit der DDR-Kunst befasst hatte,
vermochte, "die Leistungen, die in einem eigenständigen Prozess der
bildkünstlerischen Sprachfindung entstanden sind, zusammenzuführen" (S.46).
Dabei wäre ihres Erachtens ein rezeptionsästhetischer Ansatz besonders
sinnvoll, hebt doch gerade die DDR-Kunst immer wieder die Rolle des
Betrachters hervor. Vierneisel geht es mithin nicht nur um die grundsätzliche
Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Erbe, sondern um die Frage
methodischer Schwerpunktverschiebungen.
Im dritten und umfangreichsten Block wird über den "Künstler und Funktionär"
Willi Sitte verhandelt - wobei man sich bei Lektüre der insgesamt sechs
Beiträge durchaus fragt, ob man den Künstler nicht doch gänzlich hinter dem
Funktionär vergessen hat.
Zu Beginn stellt Clause Pese in Auszügen das von ihm für den geplanten Katalog"Willi Sitte. Werke und Dokumente" zusammengetragene Rohmanuskript (S.61-75)
vor, ohne darauf zu verzichten, nochmals auf den Usus des Hauses zu verweisen,
dass eine "Ergänzung durch Quellen anderer Herkunft nicht üblich" (S.61) sei.
Solchem Einwurf entnimmt man eine gewisse Form der Verbitterung über die
Vorfälle, und am Ende seines Beitrags betont Pese, dass er für einen
kritischen Artikel zu der von ihm zusammengestellten Dokumentation nicht mehr
zur Verfügung stünde, da "ich mir den Vorwurf nicht antun will, ich hätte im
Nachhinein aus den inzwischen erschienen Publikationen diejenigen Dokumente,
die gegen Willi Sitte sprechen, in meinen Artikel mitaufgenommen, um aus der
Diskussion um Willi Sitte ungeschoren hervorzugehen" (S.75). Ein
Außenstehender kann aus solchen Äußerungen nur ansatzweise erahnen, welche
Diskussionen und Auseinandersetzungen die Vorkommnisse im GNM wohl ausgelöst
hatten.
Liest man die Dokumente, ist es schwer verständlich, weshalb man sich
außerstande fühlte, die Ausstellung im gewohnten Zeitrahmen durchzuführen.
Claus Pese widerspricht insbesondere der These, Sitte hätte nur ein"geschöntes" Privatarchiv dem GNM zukommen lassen. "Von mir durchgeführten
Stichproben im Archiv der Akademie in Berlin, wo sich die Verbandsakten
befinden, haben keinen Hinweis auf Bereinigung der schriftlichen Materialien
durch Willi Sitte erbracht" (S.62). Angesichts der nur spärlich zitierten
Materialien ist es zu bedauern, dass es zu einer Publikation unter der
Federführung des GNM nicht mehr kommen wird, zumal inzwischen eine "Willi
Sitte-Stiftung für realistische Kunst" mit Sitz in Merseburg existiert [3].
Karl-Siegbert Rehberg setzt sich anschließend ausführlich mit dem Begriff des"Staatskünstlers" und Sittes sich wandelnder Position in der DDR auseinander
(S.76-93). Um das Besondere seiner Rolle und seiner zunehmenden Verstrickung
in das System zu verstehen, stellt er Sitte Werner Tübke gegenüber, der jedoch
nie eine kulturpolitisch ähnlich machtvolle Stellung innehatte.
Im nachfolgenden Beitrag - "Suggestion und Recherche" (S.96-107) belegt Paul
Kaiser anhand differenzierter Leseweise dreier gegen Sitte erhobenen Vorwürfe,
dass nur eine quellenkritische Analyse der Materialien eine Einansichtigkeit
vermeiden hilft und somit eine Konzentration auf ein Archiv - im Fall Sitte
eben seines Fonds im GNM - abzulehnen sei. Dem ist sicherlich nicht zu
widersprechen, nur erhebt sich die Frage, ob dann nicht bei jedem Privatarchiv
des GNM vor einer Veröffentlichung eine solche Quellenkritik geführt werden
müsste.
Die anschließenden drei Beiträge lassen unbefriedigt, da sie mehr auf eigenen
(vorgefassten) Meinungen denn Fakten zu beruhen scheinen. Der Titel "Beihilfe
zur Unterbindung der künstlerischen Selbstbestimmung: wie Willi Sitte den
Aufbruch der Kunstentwicklung in der DDR behindert und seiner eigenen Kunst
geschadet hat" (S.111-119) deutet bereits vor Lektüre das Ergebnis Günther
Regels an. Ihm folgen zwei Beiträge, die sich in ihrer Einseitigkeit
regelrecht überbieten. So ist Willi Sitte für Hannelore Offner anscheinend der
Täter im unterdrückerischen System schlechthin, während Gisela Schirmer
(S.128-139) ihn als unschuldiges Opfer antisozialistischer Hetze in Schutz
nimmt. Wenn es irgendwelche Beiträge gibt, auf die der anfangs von Büttner
zitierte Verweis auf die Unwissenschaftlichkeit der Vorträge zutrifft, dann
sind es diese.
Zum Schluss erhält man doch noch die Möglichkeit, einiges über Willi Sittes
Werk zu erfahren. Peter Arlt (S. 143-147) reflektiert über die Rezeption
antiker Mythen - ein Phänomen, das auch für andere DDR-Künstler schon
verschiedentlich konstatiert wurde. Ruth Negendanck (S. 149-154) setzt sich
mit Sittes Skizzenblättern aus Ahrenshoop auseinander (In der anschließenden
Diskussion erwähnt sie, dass sie aufgrund des von Claus Pese geleiteten
Projekts zu "Künstlerkolonien in Europa" zu dem Thema gekommen sei).
Enttäuschenderweise müssen beide Artikel ohne jegliche Abbildungen auskommen.
Man fragt sich, warum nur Artikel, die sich dem Funktionären Sitte widmen,
eifrig bebildert wurden ...
Bieten schon die beiden erwähnten Artikel wenig Spektakuläres zu Sittes Werk,
so spielt dieses im letzten Beitrag des Symposiums nur noch eine marginale
Nebenrolle. Statt dessen versucht Holger Brülls ausgehend von den
Leitbegriffen der marxistischen und ‚bürgerlichen' Ästhetik "Autonomie und
Parteilichkeit"(S.156-167) einen anderen Zugang zu Sitte zu erhalten. Denn die"ästhetischen Denkschablonen in Ost und West" (S.156) sind ideologisch bedingt
und somit Kunst und Politik eben nicht eindeutig von einander zu trennen.
Kunst in totalitären Systemen müsse - wie in der anschließenden Diskussion
Brülls nochmals hervorhebt - anders betrachtet werden, da sie einen ganz
anderen "existentiellen und moralischen Status" habe, "der sich mit der Kunst
in den westlich-liberalen Gesellschaftssystemen überhaupt nicht vergleichen"
(S.168) lasse. Sittes Verschulden liegt somit sowohl im sozialistischen System
als auch in seiner Machtposition begründet. "Sittes engagierte Kunst ist (...)
die Zwillingsschwester autoritärer Politik. Der Pinsel in der Hand des Malers
will ein Hebelchen sein an der Machtmaschine." (S.159) Sittes
kunsttheoretischen und -kritischen Äußerungen werden analysiert - vor allem
seine letzte Rede vor dem Verband Bildender Künstler 1988 (S.161-163), die
nach Brülls' Auffassung ein "dogmatisches Finale" (S.161) in seinem "Kampf
gegen die Idee der künstlerischen Autonomie darstelle" (S.160). An etlichen
Stellen, bei denen manchmal der Ton etwas moralisierend daherkommt, wird Sitte
immer wieder als verstockter, engstirniger Mensch charakterisiert - wobei
sicherlich zu differenzieren ist, zwischen künstlerischer Intoleranz gegenüber
anderen Konzepten, die es schon immer gab, und Sittes Rolle als "Bestimmerüber Kollegen" (S.169), die die Beschäftigung mit seiner Kunst für manchen so
schwierig gestaltet und letztendlich auch zu dieser Tagung geführt hatte.
In der Schlussdiskussion - und damit kehrt diese Rezension wieder zu ihrem
Ausgangspunkt zurück - sprach man weniger über die ursprünglich geplante
Sitte-Ausstellung, sondern überlegte, wie eine Aufarbeitung der DDR-Kunst
generell aussehen könne. Bisher konnte keine Ausstellung in diesem
Zusammenhang wirklich überzeugen - darauf wurde auch im Symposium
verschiedentlich verwiesen. Die DDR-Kunst sollte nicht zur Fußnote der
deutschen Kunstentwicklung nach 1945 verkommen. Statt dessen bedarf es neuer
Fragestellungen, eines gesamtdeutschen Blicks. In diesem Sinne äußerte sich
z.B. Rehberg: "Meine Überlegung ist überhaupt, dass wir die wenig ergriffene
Chance nutzen müssen, die Gegensatzspannung zwischen der DDR und der
Bundesrepublik zu verstehen und von daher auch, die bundesrepublikanische
Kultur, Kunstformen usw. neu zu bedenken" (S. 95). Diesen Schritt hat zwar das
Symposium nicht geleistet, aber vielleicht bietet die Publikation,
insbesondere mit den abgedruckten Diskussionsbeiträgen dazu die Möglichkeit,
solche Notwendigkeiten zu erkennen und in neuen Kontexten weiter zu erörtern.
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Anmerkungen:
[1] Das Sitte -Verbot: Katalog (k)einer Ausstellung zum 80. Geburtstag Willi
Sittes: Texte - Bilder - Dokumente, Sonderheft ICARUS: Zeitschrift für soziale
Theorie und Menschenrechte 21. Heft (2001).
[2] So in der Pressemitteilung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg vom
21. Mai 2001.
[3] Persönliche Mitteilung von Dr. Matthias Hamann an die Verfasserin vom 01.
Juni 2004.
Redaktion: Rainer Donandt.

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