Anke Köth / Anna Minta / Andreas Schwarting (Hg.): Building America. Die Erschaffung einer neuen Welt. Dresden: Thelem Verlag 2005. 356 Seiten, kartoniert, ISBN 3-937672-45-1 ISBN 978-3-937672-45-8; 39.80 EUR. Ulrike Sturm Im Rahmen des Forschungsprojektes "Architektur als Behauptung von Institutionalität und Geschichtlichkeit" [1] wurden an der Technischen Universität Dresden in den letzten Jahren zwei Tagungsreihen veranstaltet. Der Zyklus Building America. Die Erschaffung einer neuen Welt widmete sich in fünf Veranstaltungen der Erforschung "grundlegender Phänomene amerikanischer Identität". Beiträge der ersten drei Tagungen mit den Themen Identität-Geschichte-Gedächtnis (Dezember 2003), Macht-Autorität-Moral (April 2004), Fortschritt-Technik-Geschwindigkeit (Dezember 2004) sind im vorliegenden Sammelband zusammengefasst und werden durch erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt ergänzt. Zu den Themenkomplexen Kultur -- Ästhetik -- Wahrnehmung und Eigenbilder -- Fremdbilder ist ein weiterer Sammelband in Arbeit. Die zweite Tagungsreihe, Building America. Eine große Erzählung, befasst sich mit dem "Transport von Bildwelten" [2] und wird in diesem Jahr zum Abschluss kommen. Der vorliegende Sammelband gliedert sich in drei Blöcke, die den Tagungen thematisch entsprechen. In seiner Einführung zur Frage nationaler Identitätsbildung rekurriert Hans-Georg Lippert u.a. auf den Länderbericht USA der Bundeszentrale für politische Bildung (2004), um grundlegende Elemente US-amerikanischer Identität zu benennen. Hierzu zählt er "den Exzeptionalismus (also die Selbsteinschätzung der Vereinigten Staaten als auserwählte Nation mit einem vorherbestimmten schicksalhaften Auftrag), den Erfolgsmythos, die 'frontier' als Ort des radikalen Neuanfangs und der persönlichen / Bewährung, die stadtkritische Vision von Amerika als einem pastoralen Garten Eden, die Bevorzugung des Individualistischen gegenüber dem Kollektiv, sowie den Mythos vom 'melting pot', der alle Ethnien zu einer neuen Einheit zusammenführt" (S. 11/12). Die Beiträge des Bandes untersuchen, so Lippert, verschiedene Elemente dieser Identität im Hinblick darauf, "was geschieht, wenn bewusst oder unbewusst der Versuch unternommen wird, diese Leitideen zu verbildlichen oder sie in eine Symbolsprache zu übersetzen, die sich entweder in Gebäuden oder in einer anderen Form materiell greifbarer Objekte manifestieren kann" (S. 12). Die Beiträge spiegeln in ihrer Fokussierung auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder, dass viele der "architektonischen" Leitideen, die bis heute nach- oder fortwirken, in dieser Zeit entstanden. Nur zwei Artikel befassen sich explizit mit späteren Phänomenen. Aufbauend auf der kulturwissenschaftlichen These, dass nationale Identität keine Frage substantieller Merkmale ist [3], geht es in dieser Publikation darum, auf welche Art und Weise durch Bauen bzw. Gebautes Sinngefüge konstruiert werden, die zur Formierung eines spezifischen US-amerikanischen Selbstbildes beitragen [4]. Untersucht wird ein komplexer Sachverhalt, der sich im Englischen als "something is meant to mean something" umschreiben ließe. Der symbolische Charakter des Gebauten, so die Grundthese, wird -- bewusst oder unbewusst -- zur kulturellen Selbstvergewisserung eingesetzt. Bedeutung ist nicht zeitlos dechiffrierbar; vielmehr wird sie kontextuell generiert und transportiert, bevor sie sich zu einem kulturspezifischen Charakteristikum verfestigen kann. In den Untersuchungen kann es daher nicht allein darum gehen, Bedeutungen im Umfeld von Architektur zu interpretieren, sondern vor allem darum, ihre Genese und gesellschaftliche Funktion aufzuzeigen. Entsprechend verfahren die Autorinnen der drei aus dem Forschungsprojekt stammenden Beiträge: Jennifer Dickeys Beitrag Historic Preservation and the Shaping of National Identity in the United States (Kapitel I) zeigt detailliert auf, dass die Preservationists-Bewegung in den USA erst an Momentum gewann, als geschichtsträchtige Gebäude von einer größeren Allgemeinheit als Teil bzw. Sinnbild nationaler Identität verstanden wurden. Anna Minta zeichnet in ihrem Beitrag über die Entstehungsgeschichte der National Cathedral und des National Shrine in Washington (Kapitel II) die Bedeutungsebenen der gewählten Architekturstile nach und belegt, wie die Protagonisten der beiden Sakralbauten die Stilwahl zur Geschichtsprojektion nutzten. Im Hinblick auf die Frage nach der Konstitution von Bedeutungen sind die weiteren Beiträge des Bandes unterschiedlich prägnant. Im ersten Kapitel Identität-Geschichte-Gedächtnis, das sich der Verflechtung geographischer und historischer Mythen widmet, untersucht Michael Hochgeschwender die Herkunft und Verwendung der sogenannten frontier thesis und weist überzeugend "die Raumdimension als fundamentalen Bestandteil US-amerikanischer Geschichtsschreibung und Identitätsbildung" (S. 35) nach. Der Umbau des Landstädtchens Williamsburg, Virginia, zum Rockefeller-finanzierten Museumsdorf für die amerikanische Geschichte muss, so Eduard Führ in Becoming Americans, als ein Prozess nationaler Neudefinition gelesen werden. Insbesondere am Umgang mit der Bausubstanz zeigt Führ auf, wie alles "Südstaatliche" in Architektur und Leben der Stadt im Zuge der Musealisierung zu Colonial Williamsburg durch ein "Yankee-Image" ersetzt wurde. Die vorgebliche Authentizität des Rückbaus erweist sich dadurch als national-geographische Verschiebung der "cradle of the nation" nach Norden (S. 117). Der Themenblock Macht-Autorität-Moral vereint sehr unterschiedliche Ansätze. Der architektonische Bezug bleibt in Klaus P. Hansens literaturwissenschaftlichem Beitrag über die "Mentalität der Machbarkeit" (S. 212) weitgehend ausgeblendet. Wolfgang Sonne untersucht anhand des Gesamtplanes für Washington D.C. von 1902 The Embodiment of Freedom and Liberty. Die Wahl der städtebaulichen und architektonischen Ausdrucksmittel, die europäische Bildwelten des Absolutismus demokratisch umdeuten, wird von Sonne nicht nur in ihrer Genese nachgezeichnet, sondern auch positiv gewertet. Die anderen Beiträge des Bandes üben hinsichtlich eigener Wertungen größere Zurückhaltung. So Anna Minta (s.o.) und Harold Hammer-Schenk, der sich dem Sakraltransfer auf profane Bautypen widmet. Bei der Verwendung sakraler Formen für Hochschulen, Hochhäuser, Bibliotheken und Ausstellungsbauten und der entsprechenden Stilwahl lassen sich, so Schenk, zwar bestimmte Vorlieben, jedoch keine einheitlichen Erklärungsmuster nachweisen. Interessant ist die Anwendung eines kunstgeschichtlichen Modus-Begriffs auf die Architektur in Laura Biegers Beitrag Make no little plans. Ausgehend von der These, dass sich "ein und derselbe Stil [...] in verschiedenen Modi ausdrücken [kann], ohne gleich einen neuen Stil etablieren zu müssen oder einen Bruch nach sich zu ziehen" (S. 231), beleuchtet sie den Zusammenhang zwischen Spektakulärem und Monumentalität in der Stadtanlage von Washington, der Chicagoer Ausstellung von 1893 und der Architektur der letzten 50 Jahre in Las Vegas. Wie weit die Modalität des Spektakulären reichen kann, wird an den baulichen Selbstübertrumpfungen von Las Vegas verdeutlicht, die sich bei den neuesten Themenparkhotels bis zur "Einladung zur Immersion" (S. 241) des Besuchers steigern. Während in den ersten beiden Kapiteln meist klar wird, wer hier was in welcher Form deutet und welche Funktion dies hat, verblasst der Frageansatz beim Themenkomplex Fortschritt-Technik-Geschwindigkeit. Dies gilt sowohl für Liane Löwes Beitrag zur Veränderung des Arbeits-, Freizeit- wie Konsumverhaltens durch das Auto als auch für Laura Biegers Artikel über Bel Geddes? Futurama auf der Weltausstellung von 1939. Christoph Asendorf hingegen weist in Verkehrsfluss und Gesellschaftsform die unterschiedlichen Begründungszusammenhänge für die Reichsautobahn und den amerikanischen Highway detailliert nach. Während für den Autobahnbau auf Vorstellungen des "Organischen", "Gewachsenen" und "Ganzheitlichen" rekurriert und insbesondere die Wechselbeziehung von Land bzw. Landschaft und Straße thematisiert wird, stehen die Highways einerseits für einen auf einer "integrale[n] Raum-Zeit-Konzeption" (S. 282) basierenden Modernismus (Giedeon), andererseits für die (gelungene) Vermittlung zwischen "den Potentialen der Technologie und den Vorstellungen der Gesellschaft" (Bel Geddes) (S. 280). Bei aller Unterschiedlichkeit der Beiträge, bietet der Sammelband eine anregende Lektüre. Die einzelnen Mosaiksteinchen, die sich, wie bei Tagungsbänden üblich, nicht ganz zu einem Bild zusammenfügen, tragen zu einer kulturwissenschaftlichen Sichtung architektonischer Semantik bei, die umso wichtiger ist, als architektonische Deutung oft auf Stereotypen zurückgreift. Das Bekannte erscheint nach der Lektüre des Bandes ein Stück weit weniger bekannt und ermöglicht so forscherlische Distanz. Die "amerikanische Identität" wird hier nicht ihrer Mythen beraubt, sondern um einen Blick in die Werkstatt der Bilderfindung reicher. [1] Das Forschungsprojekt unter der Leitung von Hans-Georg Lippert ist Teil des Sonderforschungsbereiches 537 "Institutionalität und Geschichtlichkeit", der seit 1991 an der TU Dresden angesiedelt ist. Die Schwerpunktthemen des Teilprojektes lauten Metropolenarchitektur als Bild in Film und Comic, Metaphorik der Hochhausstadt, Geschichtskonstruktionen der Moderne und Monumentalität und Erinnerungskultur (siehe rcswww.urz.tu-dresden.de/~sfb537Teilprojekt Architektur). Mit Anke Köth, Anna Minta und Andreas Schwarting übernahmen drei wissenschaftliche Mitarbeiter des Teilprojektes die Edition des Sammelbandes. Redaktion: Claudia Sedlarz Copyright for all reviews © 2006 by H-ArtHist (H-NET) and the author, all rights reserved. Works may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. 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